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Viertes Kapitel - Die wunderbaren Wirkungen in einer Seele, welche diese Andacht treu übt

1. Die Erkenntnis seiner selbst

Mein lieber Bruder, wenn du dich den inneren und äußeren Übungen dieser Andacht, die ich dir später eingehend darlegen werde, treu hingibst, wirst du durch die Erleuchtung des Hl. Geistes um Mariä, seiner treuen Braut, willen, recht bald deine Verderbtheit und Unfähigkeit zu jedem Guten erkennen, dich daher selbst verachten lernen und nur mit Schauder an dich denken. Du wirst dich mit einer Schnecke vergleichen, die alles mit ihrem Schleime besudelt, oder mit einer Kröte, die alles mit ihrem Gift begeifert oder mit einer boshaften Schlange, die nur zu täuschen sucht. So wird die demütige Jungfrau Maria dir Anteil an ihrer tiefen Demut geben, welche bewirken wird, dass du dich zwar selbst, aber nie einen anderen verachtest, ja, dass du liebst, verachtet zu werden.

2. Teilnahme am Glauben Mariä

Die allerseligste Jungfrau wird dich an ihrem Glauben teilnehmen lassen, der auf Erden größer war, als der Glaube der Patriarchen, Propheten, Apostel und aller Heiligen. Jetzt, da sie die Königin des Himmels ist, ist ihr Glauben zwar in Schauen übergegangen, denn sie schaut durch das Licht der Glorie alle Dinge klar in Gott. Dennoch hat sie die Tugend des Glaubens durch Fügung des Allerhöchsten bei ihrem Eintritt in das Reich der Glorie nicht verloren, sondern treu bewahrt, um sie in der streitenden Kirche ihren treuesten Dienern und Dienerinnen zur Verfügung zu stellen. Je mehr du also die Gunst dieser erlauchten Fürstin und treuen Jungfrau gewinnst, umso mehr wirst du den wahren Glauben in deiner ganzen Lebensführung besitzen: einen reinen Glauben, sodass du dich um das Sichtbare und Natürliche nicht mehr kümmerst; einen lebendigen und durch die Liebe beseelten Glauben, sodass du alle deine Handlungen aus reiner Liebe vollbringen wirst; einen Glauben stark und unerschütterlich wie ein Felsen, sodass du fest und standhaft bleibst inmitten der Wirren und Stürme des Lebens; einen wirksamen und alles durchdringenden Glauben, mit dem du dir, wie mit einem geheimnisvollen Schlüssel, den Eingang in die Geheimnisse Jesu Christi, in die letzten Dinge des Menschen und in das Herz Gottes eröffnen kannst; einen mutigen Glauben, mit dem du ohne Zagen große Dinge für Gott und das Heil der Menschen unternehmen und vollenden wirst; einen Glauben, der dir eine leuchtende Fackel sein wird, um jene zu erleuchten, die in der Finsternis, im Schatten des Todes wandeln, und um jene zu entzünden, die kalt sind und des glühenden Feuers der Liebe bedürfen; einen Glauben, der dir göttliches Leben verleiht, um denen, die durch die Sünde tot sind, das Leben zu geben; einen Glauben als verborgenen Schatz der göttlichen Weisheit, um durch deine milden und mächtigen Worte die steinernen Herzen zu rühren und die Zedern des Libanon zu Boden zu stürzen; und endlich einen Glauben als mächtige Waffe, um dem Satan und allen Feinden des Heils widerstehen zu können.

3. Befreiung von Skrupel, Verwirrung und Furcht

Als Mutter der schönen Liebe wird Maria jeden unbegründeten Zweifel und jede sklavische Furcht aus deinem Herzen entfernen. Sie wird es öffnen und erweitern, damit du mit der heiligen Freiheit der Kinder Gottes auf dem Wege der Gebote ihres Sohnes wandeln kannst, sie wird es mit reiner Liebe durchdringen, deren Schatzkammer sie ist. Daher wirst du dich in deinem Verkehr mit dem Gott der Liebe nicht mehr wie früher von Furcht, sondern von reiner Liebe leiten lassen. Du wirst Gott als deinen lieben Vater betrachten, dem du unaufhörlich zu

gefallen suchen wirst, mit dem du wie ein Kind mit seinem guten Vater, voll Vertrauen verkehren kannst. Wenn du das Unglück hast, ihn zu beleidigen, wirst du ihn alsbald demütig um Verzeihung bitten, in Einfalt die Hand nach ihm ausstrecken und dich von deinem Fall mit Liebe erheben, ohne Verwirrung und Unruhe. Du wirst fortfahren, ohne Entmutigung ihm entgegen zu wandeln, und in allem Maria als deine gute Mutter, Mittlerin und Fürsprecherin anflehen, dir von neuem Liebe und Vertrauen zu Gott einzuflößen.

4. Großes Vertrauen zu Gott und zu Maria

Die allerseligste Jungfrau wird dich mit größtem Vertrauen erfüllen. Weil du dich nicht mehr selbst Jesus unmittelbar nahen wirst, sondern stets nur in Begleitung dieser gütigen Mutter, wird sie dir ihre Tugenden mitteilen und dich mit ihren Verdiensten bereichern, da auch du ihr alle deine Verdienste, Gnaden und Genugtuungen zur Verfügung gestellt, ja geschenkt hast. Wenn du nun zu Gott betest, kannst du vertrauensvoll sagen: „Siehe da, Maria, Deine Magd, mir geschehe nach Deinem Worte", ecce ancilla Domini, fiat mihi secundum verbum tuum (Lk 1,38). Nachdem du dich Maria mit Leib und Seele geschenkt hast, wird sie, die alle Freigebigen an Großmut weit übertrifft, sich auch dir auf wunderbare, wirksame Weise wiederschenken, so dass du beherzt zu ihr sagen kannst: Tuus sum ego, salvum me fac (Ps 118,94), „Dein eigen bin ich, seligste Jungfrau, rette mich"; oder auch mit dem hl. Liebesjünger: Accepi te in mea, „ich habe Dich, heilig Mutter, gegen das Meine in Empfang genommen." Mit dem heiligen Bonaventura kannst du ausrufen: Ecce Domina salvatrix mea fiducialiter agam et non timebo, quia fortitudo mea et laus mea in Domino es tu, und an einer anderen Stelle: Tuus totus ego sum et omnia mea tua sunt; o Virgo gloriosa, super omnia benedicta, ponam te ut signaculum super cor meum, quia fortis est ut mors dilectio tua (S. Bonac. in psalm. min. B.V.). „Meine teure Herrin und Retterin, mit Vertrauen will ich handeln und nichts fürchten, weil du meine Stärke und mein Lob bis im Herrn! ... Ich bin ganz Dein, und alles, was ich habe, gehört Dir. O glorreiche und über alle geschaffenen Dinge gebenedeite Jungfrau, wie ein Siegel will ich Dich auf mein Herz setzen, denn Deine Liebe ist stark wie der Tod!" Du wirst zu Gott mit der Gesinnung des Propheten sagen können: Domine, non est exaltatum cor meum, neque elati sunt oculi mei; neque ambulavi in magnis, neque in mirabilibus super me, si non humiliter sentiebam; sed exaltavit animam meam, sicut ablactatus super matre sua, ita retributio in anima mea (Ps 130,2), „o Herr, mein Herz und meine Augen haben keinen Grund, sich zu erheben und stolz zu sein, noch nach großen und wunderbaren Dingen zu trachten. Damit bin ich jedoch noch nicht demütig; aber ich habe mein Herz mit Vertrauen erhoben und ermutigt; ich bin wie ein Kind, den Vergnügungen der Erde entwöhnt, und ruhe am Busen meiner Mutter, dort werde ich überhäuft mit Gütern." Dein Vertrauen auf Maria wird aber besonders noch dadurch vermehrt, dass du alle deine Verdienste, die du verschenken oder aufbewahren kannst, bei ihr hinterlegst. Du zeigst dadurch, dass du viel weniger Vertrauen auf dich als auf Maria setzest, die du in Wahrheit als deine Schatzkammer betrachtest. Welch ein Trost für eine Seele, die nach dem Ausspruch eines Heiligen die Schatzkammer Gottes als ihr Eigentum bezeichnen kann, in der alles Kostbare hinterlegt ist.

5. Mitteilung der Seele und des Geistes Mariä

Die Seele der allerseligsten Jungfrau wird sich mit deiner Seele vereinigen, um den Herrn zu verherrlichen; ja ihr Geist wird ganz die Stelle des deinigen einnehmen, damit du dich in Gott, deinem Heilande, erfreuen kannst. Diese Gnade wird dir freilich nur dann zuteil werden, wenn du dich treu erweisest in den Übungen dieser Andacht. Sit in singulis anima Mari«, ut magnificet Dominum; sit in singulis Spiritus Mari«, ut exsultet in Deo (Hl. Ambrosius), „die Seele Mariä sei in jedem, um Gott zu loben und zu preisen; in jedem sei der Geist Mariä, um in Gott zu frohlocken." „Ach, wann wird die glückliche Zeit kommen", ruft ein heiliger Mann unserer Tage aus, der ganz in Maria versunken war, „ach, wann wird die glückliche Zeit kommen, da die hehre Jungfrau Maria als Herrin und Herrscherin der Herzen eingesetzt und anerkannt wird, um alle Seelen der Herrschaft ihres geliebtesten, einzigen Sohnes Jesu zu unterwerfen? Wann werden die Seelen ebenso die Liebe Mariä atmen, wie die Leiber die Luft?" In jenen Tagen werden wunderbare Dinge hienieden geschehen. Wenn der Heilige Geist seine treue Braut in den Seelen gleichsam wiedergebildet sieht, wird Er in reicher Fülle auf diese herabschweben und sie mit seinen Gaben, besonders mit der Gabe der Weisheit, erfüllen, um Wunder der Gnade zu wirken. Liebster Bruder, wann wird diese glückliche Zeit, dieses Zeitalter Mariä, kommen, da viele auserwählte Seelen, welche Maria dem Allerhöchsten erobert hat, sich im Abgrund des Herzens dieser guten Mutter verlieren und ihre lebendigen Abbilder werden, um Jesus Christus zu lieben und zu verherrlichen? Diese Zeit wird erst dann kommen, wenn man diese wahre Andacht zu Maria allgemein kennen und üben wird. Denn: Ut adveniat regnum tuum, adveniat regnum Mari«, „damit Dein Reich komme, komme zunächst das Reich Mariä."

6. Maria wird Jesus in der treuen Seele hervorbringen

Maria ist der Baum des Lebens. Wenn dieser Baum durch treue Verrichtung der Übungen der wahren Andacht in unserem Herzen sorgfältige Pflege findet, wird er Frucht bringen zu seiner Zeit und dieser Frucht ist keine andere als Jesus Christus. Es gibt so viele fromme Seelen, die Christus suchen, die einen auf diesem, die anderen auf jenem Wege. Aber oft, auch wenn sie die ganze Nacht hindurch fleißig gearbeitet haben, müssen sie gestehen: Per totam noctem laborantes, nihil cepimus (Lk 5,5), „die ganze Nacht haben wir gearbeitet und nichts gefangen." Man könnte ihnen sagen: Laborastis multum et intulistis parum (Apg 1,6), „ihr habt viel gearbeitet, aber zu wenig eingebracht." Jesus Christus ist noch immer schwach in euch. Auf dem unbefleckten Wege Mariä dagegen d.h. durch diese heilige Übung, die ich lehre, arbeitet man bei Tage, arbeitet auch an heiliger Stätte, und braucht nicht einmal viel zu arbeiten, gewinnt aber viel; denn in Maria gibt es keine Nacht, weil es in ihr keine Sünde, nicht einmal den geringsten Schatten einer Sünde gegeben hat. Maria ist ein heiliger Ort, das Heiligtum der Heiligtümer, in dem die Heiligen geformt und gebildet werden. Beachte es wohl, dass ich sage: Die Heiligen werden in Maria geformt. Denn es ist ein großer Unterschied, eine Figur in Relief mit Hammer und Meißel herzustellen, oder eine Figur zu machen, indem man das Metall in eine Form gießt. Der Bildhauer muss sich plagen, um eine Figur auf die erste Weise aus dem Stein herauszumeißeln; er braucht auch viel Zeit dazu. Wer sie aber auf die zweite Art herstellen will, hat nur wenig Arbeit und wenig Zeit dazu nötig. Der hl. Augustinus nennt Maria forma Dei, „die Form Gottes": Si formam Dei te appelem, digna exsistis, also eine Form, geeignet Götter, d.h. gottähnliche Geschöpfe zu bilden und zu gestalten. Wer in diese göttliche Form gegossen wird, ist bald gestaltet und geformt in Christus und Christus in ihm. Mit geringer Mühe und in kurzer Zeit wird er gottähnlich, da er in derselben Form gestaltet wird, in der ein Gott gebildet wurde.

Seelenführer und fromme Personen, die durch andere Übungen, Jesus Christus in sich oder in ihrem Mitmenschen gestalten wollen, können wir, meine ich, sehr gut mit Bildhauern vergleichen, die im Vertrauen auf ihre eigene Erkenntnis, ihren Fleiß und ihre Geschicklichkeit, mit unzähligen Hammerschlägen aus hartem Stein oder knorrigem Holz ein Christusbild herauszumeißeln suchen. Gar oft gelingt es ihnen nicht, Christus gut getroffen darzustellen, sei es, weil sie die Person Jesu Christi zu wenig kennen, sei es, weil manche Schläge fehl gingen, die das Bild entstellten. Wer aber das Geheimnis der Gnade, das ich ihm darbiete, annimmt, den kann ich mit einem Former oder Gießer vergleichen, der die schöne Form, Maria, gefunden hat, in welcher Jesus naturgetreu und auf göttliche Weise geformt wurde. Ohne auf eine eigene

Geschicklichkeit zu vertrauen, sondern einzig und allein auf die Vortrefflichkeit der Form ergießt und verliert er sich in Maria, um das naturgetreue Abbild Jesu Christi zu werden. Welch schöner und wahrer Vergleich! Wer wird ihn verstehen? Ich hoffe, auch du, mein teurer Bruder. Aber bedenke, dass man nur Geschmolzenes und Flüssiges in eine Form gießen kann, d.h. du musst in dir den alten Adam vernichten und schmelzen, um in Maria ein neuer Mensch zu werden.

7. Die größere Ehre Gottes

Wenn du diese Andachtsübung mit großer Treue innehältst, wirst du in der Zeit eines Monats dem Heiland mehr Ehre erweisen, als durch irgend eine andere Übung in mehreren Jahren, mag sie auch größere Opfer von dir fordern und mit Schwierigkeiten aller Art verbunden sein. Folgende Gründe mögen dich davon überzeugen:

  1. Wenn du deine Handlungen durch die allerseligste Jungfrau verrichtest, wie es diese Andacht lehrt, so verzichtest du auf deine eigenen, wenn auch noch so guten Absichten und Wünsche, um dich sozusagen ganz in den ihrigen zu verlieren, mögen sie dir auch völlig unbekannt bleiben. Dadurch erhältst du Anteil an den erhabensten Absichten Mariä, die schon auf Erden so rein waren, dass sie Gott durch die geringste ihrer Handlungen, z.B. durch das Drehen der Spindel oder durch einen Nadelstich, mehr Ehre erwies, als ein hl. Laurentius durch seine grausamen Martern auf glühendem Rost, und sogar mehr als alle Heiligen durch ihre heldenmütigsten Tugendakte. Die allerseligste Jungfrau hat dadurch während ihres Erdenwallens eine unaussprechliche Fülle von Gnaden und Verdiensten erworben, sodass man eher die Sterne am Himmel, die Tropfen im Meere, oder die Sandkörner an seinem Gestade zählen könnte, als ihre Verdienste und Gnaden. Ja, Maria hat Gott mehr Ehre erwiesen, als alle Engel und Heiligen ihm je erwiesen haben und ihm auch in alle Zukunft erweisen werden. O welches Wunder bist du, Maria! Daher vermagst Du auch Wunder der Gnade hervorzubringen in den Seelen, die den Willen haben, sich ganz in Dir zu verlieren.
  2. Weil eine treue Seele durch diese Andachtsübung ihr eigenes Denken und Können verachtet, vielmehr, um sich Jesus zu nähern und mit ihm zu reden, ihre Stütze und ihr Wohlgefallen nur in den Gesinnungen Mariä sucht, so übt sie die Demut in viel höherem Grade, als jene Seelen, die aus sich selbst handeln und sich unwillkürlich auf ihre eigenen Anlagen stützen. Daher verherrlicht auch eine solche Seele auf viel höhere Weise den lieben Gott, der nur durch die Demütigen und die Armen im Geiste vollkommen verherrlicht wird.
  3. Die allerseligste Jungfrau nimmt ferner in ihrer großen Liebe das Geschenk unserer Handlungen gern in ihre jungfräulichen Hände und verleiht ihnen dann bewunderungswürdige Schönheit und herrlichsten Glanz. So bietet sie diese selbst ihrem göttlichen Sohne Jesus Christus an, wodurch unser Herr gewiss mehr geehrt wird, als wenn wir sie ihm unmittelbar mit unseren sündhaften Händen darbieten würden.
  4. Du denkst schließlich niemals an Maria, ohne dass sie statt deiner an Gott denkt, niemals lobst und ehrst du Maria, ohne dass sie dasselbe Gott gegenüber tut. Maria steht in innigster Beziehung zu Gott, ja ich möchte sie fast die Beziehung Gottes selbst nennen. Sie existiert überhaupt nur in Beziehung auf Gott, ist gleichsam das Echo Gottes, aus dem nur Gott klingt und wiederhallt. Wenn du „Maria" sagst, sagt sie „Gott". Die hl. Elisabeth lobte Maria und pries sie selig, weil sie geglaubt hatte. Aus dem getreuen Echo Gottes hallte es wieder: Magnificat anima mea Dominum „hoch preiset meine Seele den Herrn."

Was Maria bei dieser Gelegenheit getan hat, das tut sie immer: wenn man sie lobt, liebt, verehrt oder ihr etwas schenkt, so wird Gott gelobt, geliebt und verherrlicht, so wird Gott etwas geschenkt durch und in Maria.