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Abhandlung von der Wahren Andacht zur allerseligsten Jungfrau Maria - ZWEITER TEIL - Von der vorzüglichsten Andacht zur allerseligsten Jungfrau oder von der vollkommenen Hingabe an Jesus durch Maria

Spis treści

 

Drittes Kapitel - Rebekka und Jakob; die allerseligste Jungfrau

und ihre Sklaven aus Liebe

1. Artikel - Rebekka und Jakob

Anm. - Der hl. Montfort schließt sich in dieser Erklärung dem hl. Augustinus und anderen Kirchenvätern an, welche Jakob und Rebekka von dem Vorwurf des Betruges und der Lüge zu reinigen suchen, weil sie in ihrem Vorgehen einen geheimnisvollen Hinweis auf eine höhere Wahrheit erblicken. Notwendig und befriedigend ist eine solche Deutung nicht. Gott kann auch sündhafte Handlungen der Menschen, die er zulässt und geziemend bestraft, der Verwirklichung seiner Absichten dienstbar machen. Die vorbildliche Bedeutung des Ereignisses, die auch vom hl. Paulus (Röm. 9,19-13) bestätigt wird, braucht indes keineswegs abgeschwächt zu werden. In Gleichnissen sollen und dürfen nicht alle Züge genau und erschöpfend auf die verglichenen

Gegenstände übertragen werden, was besonders auch an dem Gleichnis Jesu vom ungerechten Verwalter zu erkennen ist.

Das biblische Vorbild der vollkommenen Andacht zu Maria

Für alle Wahrheiten, die ich bisher über das gegenseitige Verhältnis der allerseligsten Jungfrau und ihrer Kinder und Diener dargelegt habe, bietet uns der Heilige Geist in der Heiligen Schrift ein wunderbares Vorbild in der Geschichte Jakobs, der durch die Sorgfalt und die Bemühungen seiner Mutter Rebekka den Segen seines Vaters Isaak empfing. Erst lasse ich den Bericht der Heiligen Schrift folgen, um dann einige Bemerkungen daran zu knüpfen.

1. Geschichte Jakobs

Esau hatte das Recht seiner Erstgeburt an Jakob verkauft. Rebekka, die Mutter dieser beiden Brüder, welche den Jakob zärtlich liebte, sicherte ihm mehrere Jahre später die mit der Erstgeburt verbundenen Rechte durch eine geheimnisvolle List. Als nämlich Isaak fühlte, dass er alt geworden sei, und daher seinen Kindern vor seinem Tode den väterlichen Segen erteilen wollte, rief er seinen Sohn Esau, den er besonders liebte, zu sich und trug ihm auf, ein Wildbret zu erjagen, es zuzubereiten und ihm vorzusetzen, damit er ihn dann segne. Schleunigst hinterbrachte Rebekka ihrem Sohne Jakob diesen Vorgang und befahl ihm, zwei Zicklein aus seiner Herde zu holen. Sobald er sie seiner Mutter übergeben hatte, bereitete sie davon ein Lieblingsgericht für Isaak. Sodann zog sie dem Jakob die Gewänder des Esau an, die sie zu Hause aufbewahrte; seine Hände aber und seinen Hals umhüllte sie mit dem Felle der Zicklein, damit sein erblindeter Vater, trotz der zarteren Stimme Jakobs, seiner rauhen Hände wegen glauben möchte, es sei dessen Bruder Esau. Und wirklich hieß Isaak, überrascht von der Stimme, die er für jene Jakobs hielt, ihn näher treten. Nachdem er das Haar der Felle, womit Jakobs Hände bedeckt waren, betastet hatte, sprach er: „Die Stimme ist wohl Jakobs Stimme, aber die Hände sind Esaus Hände." Als er dann gegessen und beim Kusse Jakobs den Duft seiner Kleider gerochen hatte, segnete er ihn und wünschte ihm den Tau des Himmels und die Fruchtbarkeit der Erde, setzte ihn zum Herrn ein über alle seine Brüder und beschloss seinen Segen mit den Worten: „Wer dir flucht, sei selbst verflucht, und wer dich segnet, sei überreichlich gesegnet." Kaum hatte Isaak diese Worte beendigt, als Esau eintrat und sein Wildbret vorsetzte, damit der Vater ihn dafür segne. Der heilige Patriarch war von unglaublichem Staunen ergriffen, als er erkannte, was geschehen war; allein weit entfernt zu widerrufen, was er getan, bestätigte er vielmehr seine Segenswort, weil er in diesem Vorfall deutlich den Finger Gottes erblickte. Da brach Esau, wie die heilige Schrift berichtete, in wilde Klagen aus, und, indem er seinen Bruder offen des Betruges beschuldigte, fragte er seinen Vater, ob er denn nur einen einzigen Segen habe. Wie die heiligen Väter bemerken, war Esau hierin so recht ein Vorbild derer, die Gott und der Welt dienen und so zugleich die Tröstungen des Himmels und der Erde genießen wollen. Isaak, gerührt durch Esaus Klagerufe, segnete ihn endlich, aber mit dem Segen der Erde, indem er ihn unter die Dienstbarkeit seines Bruders Jakob stellte. Deshalb fasst Esau einen so erbitterten Hass gegen Jakob, dass er nur noch auf den Tod seines Vaters wartete, um ihn zu töten; und Jakob hätte dem Tod nicht entgehen könne, wenn ihn nicht seine treue Mutter Rebekka durch ihre Sorgfalt und ihre klugen Ratschläge, die sie ihm gab und die er befolgte, davor beschützt hätte.

2. Esau, das Bild der Verworfenen

Bevor wir diese anziehende Erzählung erklären, müssen wir bemerken, dass nach allen heiligen Vätern und den Auslegern der Heiligen Schrift Jakob das Vorbild Jesu Christi und der Auserwählten, Esau hingegen das der Verworfenen ist; man braucht nur die Handlungen und das Benehmen beider zu prüfen, um das klar zu erkennen.

Esau, der ältere Bruder, war 1. körperlich stark und kräftig, äußerst geschickt in der Handhabung des Bogens und der Erlegung großer Jagdbeute; 2. er blieb fast nie zu Hause, denn da er sein Vertrauen nur auf seine Kräfte und seine Geschicklichkeit setzte, suchte er seine Beschäftigung außerhalb des Hauses; 3. er bemühte sich nicht, seiner Mutter Rebekka zu gefallen, tat auch nichts dafür; 4. er war so essgierig und sah überhaupt so sehr auf die Befriedigung seines Magens, dass er das Recht der Erstgeburt um eine Schüssel Linsen verkaufte; 5. er war ein Kain voll von Neid gegen seinen Bruder Jakob und verfolgte ihn aufs äußerste. Genau so zeigt sich das Benehmen, das Tag für Tag die Verworfenen beobachten.

I.  Selbstvertrauen

Sie bauen auf ihre Kraft und ihre Geschicklichkeit in zeitlichen Angelegenheiten; sie sind sehr tüchtig, sehr geschickt und aufgeklärt in den irdischen Dingen, aber sehr armselig und unwissend in den himmlischen; in terrenis fortes, in coelestibus debiles.

II.  Verweltlichung

Deshalb sind sie entweder gar nicht oder nur selten daheim, in ihrem eigenen Haus, nämlich in ihrem Innern, das ja die innere und eigentliche Wohnung ist, die Gott einem jeden gegeben hat, damit er dort weile nach seinem Beispiel. Denn Gott wohnt immer daheim bei sich. Die Verworfenen lieben nichts weniger als die Zurückgezogenheit, das geistliche Leben und die innere Andacht, halten dagegen diejenigen für kleine Geister, für scheinheilig und menschenscheu, welche innerlich, von der Welt zurückgezogen sind und die mehr nach innen als nach außen tätig sind.

III. Sie üben keine besondere Andacht zu Maria

Die Verworfenen kümmern sich kaum um die Verehrung der allerseligsten Jungfrau, der Mutter der Auserwählten. Freilich hassen sie sie nicht geradezu, sie spenden ihr vielleicht bisweilen sogar Lob, reden von ihrer Liebe zu Maria und verrichten das eine oder andere Gebet zu ihr. Aber im Übrigen wollen sie von einer zärtlichen Liebe zu Maria nichts wissen, weil sie eben für sie durchaus nicht die Zärtlichkeit eines Jakob besitzen. Sie finden an den Andachtsübungen zur allerseligsten Jungfrau, welchen sich ihre guten Kinder und treuen Diener mit Freuden hingeben, um von ihr wieder geliebt zu werden, immer etwas auszusetzen, weil sie diese Andacht nicht für notwendig halten. Wenn sie die allerseligste Jungfrau nur nicht förmlich hassen und die Andacht zu ihr nicht offen verachten, so ist ihnen das genug und sie glauben, damit das Wohlgefallen der allerseligsten Jungfrau gewonnen zu haben. Sie glauben schon hinlänglich Diener Mariä zu sein, wenn sie ihr zu Ehren einige Gebete hersagen und hermurmeln, ohne Zärtlichkeit für sie und ohne Besserung für sich selbst.

IV. Sinnlichkeit

Diese Verworfenen verkaufen ihr Erstgeburtsrecht, nämlich die Freuden des Paradieses, um eine Schüssel Linsen, d.h. um die Freuden der Welt. Sie lachen, trinken, essen, unterhalten sich, sie spielen, tanzen; ohne sich, geradezu wie Esau, Mühe zu geben, den Segen des himmlischen Vaters zu verdienen. Mit drei Worten: sie denken nur an die Welt, sie lieben nur die Welt, sie sprechen und handeln nur für die Welt und deren Freuden und verkaufen so für ein kurzes Vergnügen, für den eitlen Rauch der Ehre, für ein Stück harter Erde, gelber oder weißer, ihre Taufgnade, ihr Kleid der Unschuld und ihr himmlisches Erbe.

V. Verfolgung der Kinder Mariens

Endlich hassen und verfolgen die Verworfenen tagtäglich die auserwählten Seelen, entweder offen oder versteckt. Sie können diese nicht ausstehen, verachten sie, kritisieren, verspotten und beleidigen sie. Sie berauben und betrügen sie, bringen sie in Armut, unterdrücken sie und treten sie in den Staub, während sie selbst ihr Glück zu machen suchen, nach Vergnügungen haschen, sich's wohl sein lassen, sich bereichern, sich hervortun und nach ihrem Wohlgefallen leben.

3. Jakob, das Vorbild der Auserwählten

I.             

Jakob, der jüngere Bruder, war körperlich schwach, dabei milden und friedlichen Charakters und blieb gewöhnlich zu Hause, um die Zuneigung und Gunst seiner Mutter Rebekka, die er innig liebte, zu gewinnen; ging er bisweilen fort, so tat er dies weder eigenmächtig, noch im Vertrauen auf seine eigene Gewandtheit, sondern im Gehorsam gegen seine Mutter.

II.           

Er liebte und ehrte seine Mutter; darum blieb er gern bei ihr daheim und war nie zufriedener, als wenn er sie sah. Sorgsam vermied er alles, was ihr missfallen konnte, und tat alles, was ihr nach seiner Meinung angenehm war. Dies steigerte bei Rebekka die Liebe, die sie zu ihm im Herzen trug.

III.        

In allem war er seiner lieben Mutter ergeben, und gehorchte ihr schnell, ohne Zaudern, willig und ohne Klagen. Wenn sie durch das geringste Zeichen ihren Willen äußerte, suchte Jakob ihn alsbald zu erfüllen, so gut er konnte. Alles, was sie ihm sagte, glaubte er ihr, ohne darüber nachzugrübeln. Als sie ihm z.B. sagte, er solle zwei Zicklein aussuchen und sie ihr bringen, damit sie seinem Vater Isaak ein Gericht bereite, erwiderte er nicht etwa, dass auch eins genug sei, um für eine einzelne Person ein einmaliges Essen herzurichten, sondern, ohne darüber nachzudenken, vollzog er den Auftrag.

IV.        

Dabei zeigte er auch großes Vertrauen gegen seine liebe Mutter. Niemals stützte er sich auf seine Geschicklichkeit, sondern stellte sich einzig und allein unter ihren Schutz. In allen Bedürfnissen nahm er ihre Hilfe in Anspruch und erbat in allen Zweifeln ihren Rat. Als er sie fragte, ob er nicht statt des Segens den Fluch seines Vaters empfangen würde, glaubte er ihr und vertraute auf sie, als sie ihm erwiderte, sie würde diesen Fluch schon auf sich nehmen.

V.          

Endlich ahmte er nach Kräften die Tugenden nach, die er an seiner Mutter bewunderte. Ja, einer der Gründe, warum er beständig zu Hause blieb, scheint gerade der gewesen zu sein, seine Mutter nachzuahmen, da sie die Tugend liebte und sich von schlechten Gesellschaften fernhielt, welche die guten Sitten verderben. Dadurch machte er sich auch würdig, den doppelten Segen seines Vaters zu empfangen.

2. Artikel - Die Auserwählten und die allerseligste Jungfrau

1. Verhalten der Auserwählten

In diesem Bilde Jakobs erkennen wir leicht das Verhalten, welches die Auserwählten Tag für Tag Maria gegenüber beobachten.

 

I. Sie bleiben beständig zu Hause bei dieser guten Mutter: d.h. sie lieben die Zurückgezogenheit, führen ein innerliches Leben, befleißigen sich des Gebetes nach ihrem Beispiel und im Verein mit der allerseligsten Jungfrau, deren ganze Herrlichkeit in ihrem Innenleben verborgen ist, und die während ihres ganzen Lebens die Zurückgezogenheit und das Gebet so liebte. Allerdings erscheinen ihre Kinder manchmal draußen in der Welt, aber nur aus Gehorsam gegen den heiligen Willen Gottes und ihrer lieben Mutter, um ihre Standespflichten zu erfüllen. Welch' großartige Werke sie anscheinend auch draußen vollbringen, so schätzen sie doch weit höher, was sie bei sich selbst, in ihrem Innern, in der Gesellschaft der allerseligsten Jungfrau, wirken, weil sie dort an dem großen Werke ihre Vervollkommnung arbeiten, im Vergleich zu dem alles übrige nur Spielerei ist. Während daher ihre Brüder und Schwestern mehr für die Außenwelt leben und arbeiten, mit Aufbietung vieler Kräfte, mit Fleiß und äußerem Erfolg, unter dem Lob und Beifall der Welt, erkennen sie durch das Licht des Heiligen Geistes, dass es viel mehr Ehre, Glück und Freude gewährt, verborgen zu leben in der Zurückgezogenheit mit Jesus Christus, ihrem Vorbild, in gänzlicher und vollkommener Unterwürfigkeit unter ihre Mutter, als aus sich selbst Wunder der Natur und Gnade in der Welt zu wirken, wie so viele Esaus und Verworfene es tun. Gloria et diviti« in domo eius (Ps 111,3). Ehre für Gott und Reichtümer für den Menschen finden sich im Hause Mariä.

O Herr Jesus, wie lieblich sind Deine Gezelte. Der Sperling hat eine Wohnstätte gefunden und die Turteltaube ein Nest für ihre Jungen. O, wie glücklich ist der Mensch, der wohnt im Hause Mariä, wo Du zuerst Deine Wohnstätte aufgeschlagen! In diesem Hause der Auserwählten empfängt er seine Hilfe von Dir, dort trachtet er nach Fortschritten und höheren Graden aller Tugenden für sein Herz, um sich in diesem Tale der Tränen zur Vollkommenheit zu erheben. Quam dilecta tabernacula tua, etc. (Ps 83,2).

II. Die Auserwählten lieben und ehren die allerseligste Jungfrau wahrhaft als ihre gute Mutter und Herrin. Sie lieben sie nicht bloß mit dem Munde und verehren sie nicht bloß äußerlich, sondern in der Tiefe ihres Herzens. Sie vermeiden wie Jakob alles, was ihr missfallen könnte und tun voll Eifer alles, wodurch sie sich ihre Huld sichern zu können glauben. Sie begnügen sich nicht damit, wie Jakob seiner Mutter Rebekka, nur zwei Zicklein, nämlich Leib und Seele ihrer himmlischen Mutter darzubringen, sondern stellen ihr auch alles andere anheim, was sie besitzen. 1. Sie soll über ihren Leib und ihre Seele verfügen können, wie über ihr Eigentum. 2. Sie soll ihnen bei der Abtötung behilflich sein, sie der Sünde und sich selbst ersterben lassen, sie von der Haut der Eigenliebe befreien, um sie dadurch Jesus, ihrem Sohne, wohlgefällig zu machen, der zu Schülern und Freunden nur diejenigen annimmt, die sich selbst ersterben lassen. 3. Sie soll sie zubereiten nach dem Geschmack des himmlischen Vaters und sie zu dessen größerer Ehre verwenden, die sie besser kennt als irgendein anderes Geschöpf. Sie soll endlich mit mütterlicher Sorgfalt diesen Leib und diese Seele von jeder Makel reinigen, von allem losschälen und sie für den himmlischen Vater zu einem köstlichen Mahle herrichten, damit sie seines Genusses und seines Segens würdig werden. Ist das nicht der innigste Wunsch jener Auserwählten, welche meine Lehre von der vollkommenen Weihe an Jesus Christus durch die Hände Mariä verstanden und erfasst haben, um beiden eine wirksame und mutige Liebe zu zeigen?

Die Verworfenen beteuern vielleicht auch oft genug, dass sie Jesus und Maria lieben und verehren, tun es aber in Wirklichkeit nur scheinbar, jedenfalls nicht bis zu dem Grade, dass sie ihren Leib mit seinen Sinnen, ihre Seele mit ihren Leidenschaften opfern wie die Auserwählten.

Diese sind der seligsten Jungfrau als ihrer lieben Mutter ergeben und untertan nach dem Beispiel Jesu Christi, der von den dreiunddreißig Jahren, die er auf Erden wandelte, dreißig Jahre dazu verwandte, Gott, seinen Vater, durch eine völlige Unterwerfung unter seine heiligste Mutter zu verherrlichen.

III. Die Auserwählten gehorchen Maria, ihrer Mutter, indem sie pünktlich ihren Rat befolgen, wie es der junge Jakob seiner Mutter Rebekka gegenüber tat, als sie zu ihm sprach: „Mein Sohn, folge meinem Rat"; (Gen 27,8) oder wie die Diener bei der Hochzeit zu Kana, denen die allerseligste Jungfrau sagte: „Alles, was mein Sohn euch sagen wird, das tuet!" (Joh 2,5). Jakob empfing für den Gehorsam gegen seine Mutter wie durch ein Wunder den Segen, obschon er ihn nicht hätte empfangen sollen; und die Diener bei der Hochzeit zu Kana wurden für die Befolgung des Rates der allerseligsten Jungfrau durch das erste Wunder Jesu Christi ausgezeichnet, bei dem Er auf die Bitte seiner heiligen Mutter Wasser in Wein verwandelte. Ebenso werden alle, die bis zum Ende der Zeiten den Segen des himmlischen Vaters empfangen und der wunderbaren Huld Gottes gewürdigt werden, diese Gnaden nur empfangen als Folge ihrer vollständigen Unterwerfung unter Maria. Die Nachfolger Esaus dagegen werden wegen Mangel an Unterwürfigkeit gegen die allerseligste Jungfrau ihres Segens verlustig gehen.
 
IV. Die Auserwählten setzen ein großes Vertrauen auf die Güte und Macht der allerseligsten Jungfrau, ihrer guten Mutter. Sie nehmen ohne Unterlass ihre Hilfe in Anspruch, betrachten sie als ihren Polarstern, um im sicheren Hafen zu landen. Ihr vertrauen sie ihre Leiden und Nöte an mit großer Offenheit des Herzens, schmiegen sich an die Brüste ihrer Barmherzigkeit und Güte, um durch ihre Vermittlung Verzeihung ihrer Sünden zu erlangen oder um in ihren Leiden und Kümmernissen ihre mütterliche Milde zu kosten. Ja, sie werfen sich in ihre Arme, verbergen und verlieren sich auf geheimnisvolle Weise in ihrem liebevollen jungfräulichen Schoß, um dort, mit reiner Liebe entzündet, von den geringsten Flecken gereinigt zu werden und um Jesus zu finden, der dort auf seinem glorreichsten Throne ruht. O, welch ein Glück! „Glaube nicht", sagt der Abt Guerrikus, „dass es ein größeres Glück sei, im Schoße Abrahams zu wohnen als im Schoße Mariä, da der Herr dort seinen Thron aufgeschlagen hat", ne credideris maioris esse felicitatis habitare in sinu Abrah« quam in sinu Mari«, cum in ea Dominus posuerit thronum suum.

Die Verworfenen dagegen, die ihr ganzes Vertrauen auf sich selbst setzen, halten wie der verlorene Sohn ihre Mahlzeit bei den Schweinen. Sie nähren sich wie die Kröten nur mit der Erde, sie lieben wie die Weltmenschen nur die sichtbaren und äußeren Dinge. Sie haben keinen Geschmack für die Wonne des Schoßes und der Brüste Mariä und kennen nicht das Gefühl des sicheren und des seligen Vertrauens, wie es die Auserwählten für Maria, ihre gute Mutter, empfinden. Sie haben unglücklicher Weise, wie der heilige Gregor sagt, größeren Hunger nach der Außenwelt, weil sie die Süßigkeit, die sie in ihrem eigenen Inneren und im Inneren Jesu und Mariä finden sollten, nicht kosten wollen.

V.Die Auserwählten folgen endlich auch den Wegen der allerseligsten Jungfrau, ihrer guten Mutter, d.h. sie ahmen ihr nach und sind dadurch wahrhaft glücklich. Als wahre Verehrer Mariä tragen sie das unfehlbare Kennzeichen ihrer Auserwählung an sich, wie ihnen diese gute Mutter versichert: Beati, qui custodiunt vias meas (Prov. 8,34), d.h. selig diejenigen, die meine Tugenden üben und mit Hilfe der göttlichen Gnade in den Fußstapfen meines Lebens wandeln. Während ihres Lebens hier auf Erden sind sie glücklich wegen des Reichtums der Gnaden und Tröstungen,

die ich ihnen von meiner Fülle und zwar in viel reichlicherem Maße mitteile als den anderen, die sich mir nicht so eng anschließen. Sie sind glücklich bei ihrem Tode, der sanft und ruhig ist, da ich ihnen in dieser wichtigen Stunde beizustehen pflege, um sie selbst in die Freuden der Ewigkeit einzuführen. Glücklich werden sie auch sein in der Ewigkeit, weil keiner von meinen treuen Dienern, die meine Tugenden während ihres Lebens geübt haben, je verloren gegangen ist. - Die Verworfenen hingegen sind unglücklich während ihres Lebens, bei ihrem Tode und in der Ewigkeit, weil sie der allerseligsten Jungfrau in ihren Tugenden nicht nachahmen, sondern sich damit zufrieden geben, mitunter in eine ihrer Bruderschaften einzutreten, einige Gebete zu ihrer Ehre herzusagen, oder diese und jene äußere Andachtsübung zu verrichten.

O allerseligste Jungfrau, meine gute Mutter, wie glücklich sind diejenigen, ich wiederhole es mit der Glut meines Herzens, wie glücklich sind diejenigen, die, nicht getäuscht durch eine falsche Andacht zu Dir, treu Deinen Fußstapfen, Deinem Rat und Deinen Weisungen folgen! Wie unglücklich und verblendet sind aber die, welche mit der Andacht zu Dir Missbrauch treiben und dabei die Gebote Deines Sohnes unbeachtet lassen: „Verflucht seien alle, die abweichen von deinen Geboten!" (Ps 118,21)

2. Verhalten Mariä gegen die Auserwählten

Wir wollen jetzt die Liebesdienste kennen lernen, welche die allerseligste Jungfrau, als beste aller Mütter, ihren getreuen Dienern erweist, die sich ihr nach dem Vorbilde Jakobs geweiht haben.

I. Maria liebt ihre treuen Diener

Ego diligentes me diligo (Prov. 8,17), „Ich liebe die, die mich lieben", kann Maria mit vollem Rechte von sich sagen. Denn sie ist eine wahre Mutter, die ihre Kinder liebt als Frucht ihres Leibes. Sie liebt ihre Kinder auch aus Dankbarkeit, weil diese sie in Wahrheit als ihre gute Mutter lieben. Sie liebt sie, weil Gott sie als auserwählte Seelen liebt: Jacob dilexi, Esau autem odio habui (Röm 9,13), „Jakob liebte ich, Esau aber habe ich gehasst." Sie liebt sie, weil sie sich ihr völlig geweiht haben und ihr Eigentum und ihr Erbe sind: In Israel h^reditare (Eccli. 24,13), „In Israel sei dein Erbe." Sie liebt sie zärtlich, ja zärtlicher als alle Mütter zusammen. Vereinige, wenn du es kannst, alle natürliche Liebe, welche die Mütter der ganzen Welt gegen ihre Kinder besitzen, im Herzen einer einzigen Mutter für ihr einziges Kind: sicherlich wird diese Mutter ihr Kind in überaus hohem Maße lieben. Maria aber liebt in Wahrheit ihre Kinder noch zärtlicher als jene Mutter das Ihrige lieben könnte.

Sie liebt sie nicht nur mit dem Gefühl, sondern auch durch die Tat. Ihre Liebe ist wirksam wie die Liebe Rebekkas zu ihrem Sohne Jakob, ja noch mehr als diese. Lesen wir nur von Rebekka, ihrem Vorbild, ab, was Maria als beste Mutter tut, um für ihre Kinder den Segen des himmlischen Vaters zu erlangen.

1. Sie erspäht wie Rebekka jede günstige Gelegenheit, ihnen Gutes zu tun, sie zu erhöhen und zu bereichern. Denn da sie in Gott alle Güter und Übel, alles Glück und Unglück, Segen und Fluch deutlich schaut, trifft sie lange vorher alle Vorbereitungen, um von ihren Dienern jede Art von Übeln fernzuhalten und sie mit allen möglichen Gütern zu bereichern. Wenn daher durch die Treue eines Geschöpfes in irgend einem hohen Amte bei Gott ein unverhofftes Glück zu machen ist, so wird Maria sicherlich dieses Glück einem ihrer lieben Kinder und Diener verschaffen und ihm die Gnade verleihen, alle Pflichten zu erfüllen. Ipsa procurat negotia nostra, „sie selbst besorgt unsere Angelegenheiten", sagt ein Heiliger.

  1. Sie erteilt ihren Kindern guten Rat, wie Rebekka ihrem Jakob: Fili acquiesce consiliis meis, „mein Sohn, folge meinen Ratschlägen!" So gibt sie ihnen z.B. ein, ihr die beiden Zicklein zu bringen, damit sie davon ein Mahl bereiten kann, das Gott angenehm ist. Oder sie gibt ihnen den Rat, alles zu tun, was Jesus, ihr Sohn, durch Wort und Beispiel gelehrt hat. Gibt sie ihnen nicht selbst diesen Rat, so erteilt sie ihn durch Engel, die keine größere Ehre und Freude kennen, als ihrem Befehl zu gehorchen, zur Erde herniederzusteigen und einem ihrer treuen Diener zu helfen.
  2. Hat man ihr Leib und Seele mit allem, was dazu gehört, ohne Vorbehalt dargebracht und geweiht, was tut dann diese gute Mutter? Dasselbe, was Rebekka einst mit den beiden Zicklein tat, die ihr Jakob brachte: Sie tötet sie, d.h. sie lässt sie dem Leben des alten Adam absterben; sie zieht sie ab und schält sie los von ihrer natürlichen Haut, den natürlichen Neigungen, und von jeder Anhängigkeit an die Geschöpfe; sie reinigt sie von allen Makeln, Unreinigkeiten und Sünden, und bereitet sie zu nach dem Geschmacke Gottes und zu seiner größeren Ehre. Da es nun niemanden gibt, der den Geschmack Gottes und die Ehre des Allerhöchsten besser kennt als Maria, so kann auch Maria allein, ohne sich zu täuschen, unseren Leib und unsere Seele nach jenem unendlich erhabenen Geschmack und jener unendlich geheimnisvollen Ehre herrichten und zubereiten.
  3. Nachdem diese gute Mutter die völlige Hingabe unserer selbst, unsere Verdienste und Genugtuungen angenommen und uns die alten Kleider ausgezogen hat, stattet sie uns mit allem aus, damit wir würdig vor dem himmlischen Vater erscheinen können. Sie bekleidet uns zunächst mit den sauberen, kostbaren und duftenden Gewändern ihres erstgeborenen Sohnes Jesu Christi, die sie in ihrem Hause aufbewahrt, um darüber nach Wunsch zu verfügen. Als Schatzmeisterin und Ausspenderin aller Tugenden und Verdienste ihres Sohnes Jesu Christi teilt sie diese aus, wem, wann, wie und wieviel es ihr beliebt. Sie umhüllt ferner den Hals und die Hände ihrer Diener mit den Fellen der getöteten und abgezogenen Zicklein, d.h. sie schmückt sie mit den Verdiensten und dem Wert ihrer eigenen Handlungen. Sie vernichtet und tötet in Wahrheit an ihnen alles, was unrein und unvollkommen ist, lässt dabei aber nicht im geringsten das Gute verloren gehen, was die Gnade an ihnen gewirkt hat. Sie bewahrt und vermehrt diese vielmehr, um damit ihren Hals und ihre Hände zu schmücken und um sie zu stärken, das Joch des Herrn zu tragen, das gleichsam um den Hals getragen wird, und große Dinge zur Ehre Gottes und zum Heile ihrer armen Mitbrüder zu vollbringen. Sie verleiht ihren Gewändern neuen Wohlgeruch und neuen Reiz, indem sie ihnen ihre eigenen Kleider, nämlich ihre Verdienste und Tugenden mitteilt, die sie ihnen bei ihrem Tode durch ihr Testament vermacht hat, wie eine heiligmäßige Ordensfrau des letzten Jahrhunderts versichert, die im Rufe der Heiligkeit gestorben ist und dieses durch eine Offenbarung erfahren hat. So sind also alle ihre Hausgenossen, ihre treuen Diener und Sklaven, doppelt gekleidet, mit den Gewändern ihres Sohnes und mit ihren eigenen: Omnes domestici eius vestiti sunt duplicibus (Prov. 31,21). Daher brauchen sie sich nicht zu fürchten vor dem gerechten Urteilsspruch Jesu Christi, den die Verworfenen, ohne die Verdienste Jesu Christi und der allerseligsten Jungfrau, nicht werden ertragen können.
  4. Endlich erwirkt sie ihnen den Segen des himmlischen Vaters, obwohl sie ihn als jüngstgeborene und nur angenommene Kinder nicht erhalten sollten. Angetan mit jenen überaus wertvollen und wohlduftenden Gewändern nahen sie sich, wohl vorbereitet und vertrauensvoll dem Ruhebette ihres himmlischen Vaters. Er hört und erkennt ihre Stimme, und befühlt ihre mit Fellen bedeckten Hände; er riecht den Wohlgeruch ihrer Kleider, und genießt mit Freuden, was Maria, ihre Mutter, ihm zubereitet hat. Indem er an ihnen die Verdienste seines Sohnes und seiner allerheiligsten Mutter wahrnimmt, spendet er ihnen seinen doppelten Segen, den Segen des Himmelstaues: De rore coeli (Gen 27,28), d.h. der göttlichen Gnade, die der Keim der Glorie ist: Benedixit nos in omni benedictione spirituali in Christo Jesu (Eph 1,2), „gesegnet hat er uns mit jedem geistlichen Segen in Christo Jesu." Er segnet sie vom Fette der Erde: De pinguedine terr« (Gen 27,28), d.h. er gibt ihnen das tägliche Brot und hinreichende Fülle an irdischen Gütern. Er macht sie zu Herrschern über ihre anderen Brüder, die Verworfenen, nicht als ob diese Herrschaft sich schon in dieser Welt immer zeige, die ja in einem Augenblick vergeht. Denn hier scheinen die Verworfenen häufig zu herrschen: Peccatores effabuntur et gloriabuntur (Ps 93,4), „großsprechen werden die Sünder und sich brüsten"; vidi impium superexaltatum et elevatum (Ps 36,35), „den Gottlosen sah ich erhaben und hoch." Gleichwohl ist nur die Herrschaft der Auserwählten eine wahre und wirkliche Herrschaft, die sich klar offenbaren wird in der anderen Welt die ganze Ewigkeit hindurch, wo die Gerechten über die Völker herrschen und gebieten werden: Dominabuntur populis (Weish 3,8). Aber auch damit ist die Majestät Gottes noch nicht zufrieden, sie nur für ihre Person und in ihren Gütern zu segnen; sie segnet auch alle, von welchen sie selbst gesegnet werden, und verflucht alle, von welchen sie verflucht und verfolgt werden.

II. Maria ernährt ihre Kinder

Der zweite Liebesdienst, den die allerseligste Jungfrau ihren treuen Dienern erweist, besteht darin, dass sie sie mit allem versieht, was sie für Leib und Seele nötig haben. Sie schenkt ihnen doppelte Kleider, wie wir soeben gesehen haben. Sie setzt ihnen die auserlesensten Gerichte vom Tische Gottes zur Speise vor. Sie nährt sie mit dem Brote des Lebens, das sie zubereitet hat: A generationibus meis implemini (Eccli. 24,26), „Meine lieben Kinder", sagt sie zu ihnen im Namen der ewigen Weisheit, „erfüllet euch mit meiner Nachkommenschaft, nämlich mit Jesus, der Frucht des Lebens, die ich für euch geboren ." Venite, comedite panem meum et bibite vinum quod miscui vobis; comedite et bibite et inebriamini, carissimi (Prov. 9,5). „Kommet", wiederholt sie an einer anderen Stelle, „esset mein Brot, das ist Jesus; trinket den Wein seiner Liebe, den ich euch gemischt habe mit der Milch meiner Brüste." Da sie die Schatzmeisterin und Ausspenderin der Gaben und Gnaden des Allerhöchsten ist, so verwendet sie einen guten, ja den besten Teil dazu, ihre Kinder und Diener zu nähren und zu unterhalten. Sie sollen fett werden von dem Lebensbrot und trunken von dem Wein, der Jungfrau entsprosst. An ihrer Brust will sie sie tragen: Ad ubera portabimini (Js. 26,16). Daher tragen sie das Joch Jesu Christi so leicht, dass sie dessen Schwere kaum fühlen, wegen des Öles der Andacht, womit Maria diese Joch lindert und erleichtert: Jugum eorum computrescet a facie olei (Js. 10,27), „ihr Joch wird verderben vor Fett."

III. Maria führt sie

Die dritte Wohltat erweist die allerseligste Jungfrau ihren Dienern dadurch, dass sie sie nach dem Willen ihres Sohnes leitet und führt. Rebekka erzog ihren Sohn Jakob und gab ihm von Zeit zu Zeit gute Ratschläge, sei es, um ihm den Segen seines Vaters zuzuwenden, sei es, um ihn dem Hass und der Verfolgung seines Bruders Esau zu entziehen. Maria, der Meeresstern, führt alle ihre treuen Diener in den sicheren Hafen; sie zeigt ihnen die Wege des ewigen Lebens und hilft ihnen, alle Fehltritte zu vermeiden; sie führt sie an der Hand auf den Pfaden der Gerechtigkeit, stützt sie, wenn sie nahe daran sind zu fallen, richtet sie wieder auf, wenn sie gefallen sind, weist sie als liebevolle Mutter zurecht, wenn sie einen Fehler begehen, und straft sie zuweilen in nachsichtigster Weise. Ein Kind, das Maria, seiner Pflegerin und erleuchteten Führerin, folgt, - wie könnte es sich auf den Wegen der Ewigkeit verirren? Ipsam sequens non devias. „Wenn du ihr folgst", sagt der hl. Bernhard, „wirst du nicht irre gehen." Fürchte nicht, dass ein wahres Kind Mariä durch den bösen Geist verführt wird und in eine eigentliche Häresie fällt. Wo Maria Führerin ist, ist weder der böse Geist mit seinem Trug, noch die Häresie mit ihrer Verschlagenheit zu finden: Ipsa tenente, non corruis, „wenn sie dich hält, wirst du nicht stürzen."

IV. Maria verteidigt und beschützt sie

Rebekka befreite ihren Sohn Jakob mit größter Sorgfalt und Wachsamkeit aus allen Gefahren, in denen er sich befand, und schützte ihn vor dem Tode, dem ihn sein Bruder Esau aus Hass und Neid sicherlich überliefert hätte, wie ehedem Kain seinen Bruder Abel. Maria, die gute Mutter der auserwählten Seelen, verbirgt sie wie eine Henne ihre Küchlein unter den Flügeln ihres Schutzes. Sie spricht ihnen Mut zu, erniedrigt sich zu ihnen und lässt sich zu all ihren Schwächen herab, um sie vor dem Sperber und Geier zu schützen. Sie umgibt und begleitet sie, wie ein geordnetes Kriegsheer, ut castrorum acies ordinata (Cant. 6,3). Braucht wohl jemand, der von einem gut gerüsteten Heer von 100.000 Mann umgeben ist, seine Feinde zu fürchten? Ein treuer Diener Mariä, von ihrem Schutz und ihrer Macht umgeben, hat noch weniger zu fürchten. Diese gute Mutter und mächtige Fürstin des Himmels würde eher Tausende von Engeln eiligst zu Hilfe senden, um eines ihrer Kinder, das auf sie gebaut, zu retten, als es der Bosheit, Zahl und Gewalt seiner Feinde unterliegen zu lassen.

V. Maria bittet für sie

Die fünfte und größte Wohltat endlich, welche Maria in liebevollster Weise ihren treuen Dienern zuteil werden lässt, besteht darin, dass sie für sie bei ihrem göttlichen Sohne Fürsprache einlegt, ihn durch ihre Bitten besänftigt, sie mit ihm durch das engste Band vereinigt und in dieser Vereinigung erhält. Rebekka ließ ihren Jakob an das Bett seines Vaters herantreten, der ihn voll Liebe berührte, umarmte und küsste vor Freude; und nachdem er sich mit der wohlzubereiteten Speise gesättigt und mit großem Behagen den Wohlgeruch seiner Kleider empfunden, rief er aus: Ecce odor filii mei sicut odor agri pleni cui benedixit Deus (Gen 27,27), „siehe der Wohlgeruch meines Sohnes ist wie ein Wohlgeruch eines üppigen Feldes, das der Herr gesegnet hat." Dieses üppige Feld, dessen Wohlgeruch das Herz des Vaters entzückt, ist nichts anderes als der Wohlgeruch der Tugenden und Verdienste Mariä, die gleich einem üppigen Feld reich an Gnaden ist, in dessen Boden der himmlische Vater seinen einzigen Sohn als Weizenkorn der Auserwählten gesät hat. Mit welchem Wohlgefallen muss Jesus Christus, der Vater der Zukunft, ein Kind aufnehmen, das vom Wohlgeruch der Tugenden Mariä duftet! Wie schnell und vollkommen wird er es mit sich vereinigen!

Noch mehr! Nachdem die allerseligste Jungfrau ihre Kinder und getreue Diener mit ihren Gnaden überhäuft und ihnen den Segen des himmlischen Vaters und die Vereinigung mit Jesus erwirkt hat, versäumt sie nichts um sie dauernd in Christus und Christus in ihnen zu erhalten. Sie behütet und überwacht sie beständig, aus Furcht, sie möchten die göttliche Gnade verlieren und wieder in die Schlingen ihrer Feinde fallen: In plenitudine detinet, „sie erhält die Heiligen in ihrer Gnadenfülle" und lässt sie, wie wir schon sahen, bis an das Ende darin verharren. Das ist der Sinn und die Erklärung dieses großen und alten Vorbildes der Auserwählung und der Verwerfung, das so wenig bekannt und doch so geheimnisvoll ist.