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Abhandlung von der Wahren Andacht zur allerseligsten Jungfrau Maria - ZWEITER TEIL - Von der vorzüglichsten Andacht zur allerseligsten Jungfrau oder von der vollkommenen Hingabe an Jesus durch Maria

Spis treści

 

Zweites Kapitel - Beweggründe zur vollkommenen Hingabe an

Jesus durch Maria

Erster Beweggrund - Die Vorzüglichkeit dieser Hingabe

Wenn es auf Erden keine erhabenere Beschäftigung gibt, als den Dienst Gottes, und wenn der geringste Diener Gottes, reicher, mächtiger und vornehmer ist als alle Könige und Kaiser der Erde, falls diese keine Diener Gottes sind, wie groß muss dann der Reichtum, die Macht und die Würde des treuen und vollkommenen Dieners Gottes sein, der sich seinem Dienste ganz, ohne Rückhalt und mit allen Kräften weiht! Ein beneidenswerter, glücklicher Diener Gottes ist derjenige, der sich ganz und gar dem Dienste Jesu, dieses Königs der Könige, durch die Hände seiner heiligen Mutter hingegeben und nichts für sich selbst zurückbehalten hat: mit allem Gold der Erde und allen Schönheiten des Himmels ist er nicht zu bezahlen.

Die zahlreichen Kongregationen, Vereine und Bruderschaften, welche zur Ehre unseres Herrn und seiner heiligen Mutter errichtet sind und so viel Gutes in der Christenheit vollbringen, verlangen nicht, dass man alles ohne Rückhalt gibt. Sie schreiben ihren Mitgliedern nur gewisse Werke und Übungen vor, durch die sie ihren Verpflichtungen genügen. Sie lassen ihnen Freiheit in allen ihren anderen Handlungen wie in der Benützung ihrer übrigen Lebenszeit. Die Andacht aber bewirkt, dass man Jesus und Maria alle seine Gedanken, Worte, Werke und Leiden und alle Zeit seines Lebens ohne Rückhalt schenkt. Mag man wachen oder schlafen, trinken oder essen, mag man die größten Handlungen oder die kleinsten verrichten, kurz alles, was man tut, auch wenn man nicht daran denkt, gehört Jesus und Maria kraft der vollkommenen Hingabe, wofern man sie nicht ausdrücklich widerrufen hat. Welch ein Trost! - Doch damit nicht genug! Wie schon erwähnt, gibt es keine andere Übung als diese, durch welche man sich so leicht einer gewissen Selbstsucht entäußert, die sich unbemerkt in die besten Handlungen einschleicht; und unser guter Jesus schenkt diese große Gnade zur Belohnung für die heroische und uneigennützige Tat, die man vollbringt, indem man ihm durch die Hände seiner heiligen Mutter den ganzen Wert seiner guten Handlungen überlässt. Wenn er schon in dieser Welt ein Hundertfaches denen gibt, welche um seiner Liebe willen die äußeren, zeitlichen und vergänglichen Güter verlassen, was wird dann das Hundertfache sein, das er demjenigen geben wird, der ihm seine inneren und geistigen Güter geopfert hat!

Jesus, unser großer Freund, hat sich uns ohne Rückhalt geschenkt, Leib und Seele, Tugenden, Gnaden und Verdienste: Se toto totum me comparavit, sagt der hl. Bernhard: „Er hat mich ganz erworben, indem er sich ganz für mich hingab." Ist es da nicht Sache der Gerechtigkeit und der Dankbarkeit, dass wir ihm alles geben, was wir ihm geben können? Er war zuerst freigebig uns gegenüber; seien wir es auch ihm gegenüber und wir werden ihn in unserem Leben, in unserer Todesstunde und in der ganzen Ewigkeit noch viel freigebiger finden: Cum liberali liberalis erit.

Zweiter Beweggrund - Angemessenheit und Nutzen dieser Hingabe

Jesus Christus, unser Herr und Erlöser, hat es nicht verschmäht, im Schoße der allerseligsten Jungfrau zu wohnen, wie ein Gefangener in völliger Leibeigenschaft, und ihr dreißig Jahre hindurch untertänig und gehorsam zu sein. Hier verliert sich der menschliche Geist, wenn er ernstlich diesen Ratschluss der menschgewordenen Weisheit erwägt, welche sich den Menschen nicht unmittelbar schenken wollte, obwohl sie es hätte tun können. Nicht als erwachsener Mann wollte er in die Welt kommen, unabhängig von anderen, sondern als armes, kleines Kind, abhängig von der Pflege und Sorge seiner heiligen Mutter. Bei ihrem unendlichen Verlangen, Gott den Vater zu verherrlichen und die Menschen zu retten, konnte die ewige Weisheit kein vollkommeneres und sicheres Mittel finden, um dieses zweifache Ziel zu erreichen, als sich in allen Dingen der allerseligsten Jungfrau zu unterwerfen und zwar nicht nur während der ersten acht, zehn oder fünfzehn Jahre ihres Lebens, wie die andern Kinder, sondern dreißig Jahre lang. Ja, die menschgewordene Weisheit hat Gott dem Vater während dieser ganzen Zeit der Unterwerfung und Abhängigkeit von der allerseligsten Jungfrau mehr Ehre erwiesen, als wenn sie diese dreißig Jahre dazu verwendet hätte, Wunder zu wirken, auf der ganzen Erde zu predigen und alle Menschen zu bekehren. O wie sehr werden wir Gott verherrlichen, wenn wir uns Maria unterwerfen nach dem Beispiele Jesu! Da dieses so offenkundig und der ganzen Welt bekannt ist, könnten wir wohl so unverständig sein und glauben, dass wir ein vollkommeneres Mittel finden werden, um Gott zu verherrlichen, als das Beispiel des Heilandes zu befolgen, Maria zu gehorchen und uns ihr völlig hinzugeben?

Zum Beweise dafür, wie zweckmäßig es ist, sich der allerseligsten Jungfrau völlig zu unterwerfen, erinnere man sich ferner an unsere früheren Erwägungen über das Verhältnis der drei göttlichen Personen zu Maria. Der Vater gab und gibt uns seinen Sohn durch Maria; so schafft er sich auch Adoptivkinder nur durch sie, und teilt ihnen seine Gnaden nur durch ihre Hände aus. Gott der Sohn wurde für die ganze Welt gebildet und nur durch Maria; so wird er auch jetzt noch alle Tage geistiger Weise gebildet und geboren nur durch Maria in Vereinigung mit dem Heiligen Geist, und teilt seine Tugenden und Verdienste nur durch sie den Erlösten mit. Der Heilige Geist hat Jesus Christus nur durch Maria gebildet; so bildet er auch heute noch die Glieder seines Leibes nur durch sie, und spendet seine Gaben und Gnaden nur durch sie den Auserwählten. Könnten wir wohl nach so mannigfachen und überzeugenden Beispielen der heiligen Dreifaltigkeit ohne äußerste Verblendung an Maria vorübergehen, ohne uns ihr zu weihen und von ihr abhängig sein zu wollen, um zu Gott zu gelangen und uns Gott zu opfern?

Hier mögen noch einige lateinische Stellen von Vätern folgen, welche ich zum Beweise des soeben Gesagten ausgewählt habe:

Duo filii Mariae sunt, homo Deus et homo purus: unius corporaliter et alterius spiritualiter Mater est Maria (St. Bonaventura und Origenes): „Zwei Söhne hat Maria, den Gottmenschen und den reinen Menschen; von dem einen ist Maria die leibliche, von dem andern die geistige Mutter."

Haec est voluntas Dei, qui totum nos voluit habere per Mariam; ac proinde si quid spei, si quid gratiae, si quid salutis, ab ea noverimus redundare (St. Bernhard): „Das ist der Wille Gottes, der gewollt hat, dass wir alles durch Maria haben sollten; wenn daher irgendeine Hoffnung, eine Gnade, oder irgendetwas Gutes in uns ist, so sollen wir wissen, dass es von ihr uns zugeflossen ist."

Omnia dona, virtutes et gratiae ipsius Spiritus Sancti, quibus vult, quando vult quomodo vult et quantum vult, per ipsius manus administrantur (St. Bernardin): „Alle Gaben, alle Tugenden und Gnaden des Heiligen Geistes werden durch ihre (Mariä) Hände ausgeteilt, wem sie will, wann sie will und wieviel sie will."

Qui indignus eras cui daretur, datum est Mariae, ut per eam acciperes, quidquid haberes (St. Bernhard): „Da du unwürdig warst, dass es dir gegeben wurde, wurde es Maria gegeben, damit du durch sie alles empfingest, was du hast."

Weil Gott sieht, dass wir unwürdig sind, seine Gnaden unmittelbar aus seiner Hand zu empfangen, sagt der hl. Bernhard, gibt er dieselben Maria, damit wir durch sie alles besitzen, was er uns geben will. Gott findet dementsprechend auch seine Ehre darin, durch die Hände Mariä von uns die Dankbarkeit, die Ehrfurcht und die Liebe zu empfangen, welche wir ihm für seine Wohltaten schulden. Es ist also durchaus gerecht, dass wir dieses Verhalten Gottes nachahmen, damit die Gnade zu ihrem Urheber durch denselben Kanal zurückkehre, durch den sie gekommen ist: Ut eodem alveo ad largitorem gratia redeat quo fluxit (St. Bernhard). Das geschieht aber durch unsere Andacht: Man opfert und weiht alles, was man ist und was man hat, der allerseligsten Jungfrau, damit Gott durch ihre Vermittlung die Ehre und Dankbarkeit empfange, die man ihm schuldet. Man erkennt sich für unwürdig und unfähig, der unendlichen Majestät Gottes sich unmittelbar zu nähern und bedient sich deswegen der Hilfe und Fürsprache der allerseligsten Jungfrau.

Diese Andacht ist schließlich eine Übung großer Demut, einer Tugend, welche Gott mehr liebt, als alle anderen. Eine Seele, welche sich selbst erhöht, erniedrigt Gott; eine Seele, die sich selbst erniedrigt, erhöht Gott. Gott widersteht den Hochmütigen, den Demütigen aber gibt er seine Gnade. Wenn ihr euch selbst erniedrigt, indem ihr euch für unwürdig haltet, vor ihm zu erscheinen und euch ihm zu nähern, lässt er sich herab, um zu euch zu kommen, um in euch seine Freude zu finden und euch zu erhöhen über alles Erwarten. Wenn man sich dagegen Gott dreist nähert ohne jeden Vermittler, so zieht sich Gott zurück, sodass man ihn nicht erreichen kann. O wie liebt er bei uns die Demut des Herzens! Zur Demut verpflichtet diese Andachtsübung, da sie den Menschen lehrt, sich niemals unmittelbar dem Herrn zu nahen, wie mild und barmherzig er auch ist, sondern sich immer der Vermittlung der allerseligsten Jungfrau zu bedienen, um vor Gott zu erscheinen, mit ihm zu reden, ihn um etwas zu bitten, ihm etwas zu opfern oder sich mit ihm zu vereinigen und sich ihm zu weihen.

Dritter Beweggrund - Die wunderbaren Wirkungen dieser vollkommenen

Hingabe

1. Maria schenkt sich ihrem getreuen Diener

Die allerseligste Jungfrau lässt sich als Mutter der Güte und Barmherzigkeit selbstredend niemals an Liebe und Freigebigkeit übertreffen. Wenn sie nun sieht, dass man sich ihr ganz schenkt, um sie zu ehren und ihr zu dienen, dass man sich des Liebsten, was man hat, entäußert, um sie selber damit zu schmücken, so schenkt sie sich auch ganz und gar demjenigen, der ihr alles schenkt. Sie versenkt ihn in den Abgrund ihrer Gnaden, schmückt ihn mit ihren Verdiensten, stützt ihn mit ihrer Macht, erleuchtet ihn mit ihrem Lichte und umfängt ihn mit ihrer Liebe; sie teilt ihm ihre Tugenden mit, ihre Demut, ihren Glauben, ihre Reinheit usw.; sie macht sich zu seinem Unterpfand, ersetzt alle seine Mängel und Fehler, und wird ihm sein ein und alles bei Jesus. Kurz, wer sich Maria völlig geschenkt hat, dem gehört auch Maria ganz an. Von einem solch vollkommenen Diener und wahren Kind Mariä gilt daher, was der Evangelist Johannes von sich sagt, dass er für alle seine Güter Maria ganz und gar zu eigen empfangen habe. Accepit eam discipulus in sua (Joh 19,27).

Die vollkommene und treue Hingabe an Maria bringt in der Seele tiefe Verachtung, großes Misstrauen, ja Abneigung und Hass gegen sich selbst hervor, dafür aber um so größeres

Vertrauen und um so rückhaltlosere Ergebung gegen die heiligste Jungfrau, ihre gute Herrin. Sie setzt nicht mehr wie früher ihr Vertrauen auf ihre eigenen Anlagen, Absichten, Verdienste, Tugenden und guten Werke; denn da sie auf all das völlig verzichtet und es durch diese gute Mutter dem Heilande als Opfer dargebracht hat, so besitzt sie nur noch eine Schatzkammer, in der sie alle ihre Güter bewahrt, und diese ist Maria. Daher naht sie sich auch unserem Herrn ohne jede knechtische oder ängstliche Furcht und trägt ihm mit größter Zuversicht alle ihre Bitten vor. Sie vermag die Gefühle des frommen und weisen Abtes Rupert nachzuempfinden, der mit einer Anspielung auf den Sieg, welchen Jakob über den Engel davontrug, zur allerseligsten Jungfrau die schönen Worte spricht: „O Maria, meine Herrin und unbefleckte Mutter Jesu Christi, ich verlange mit dem Gott-Menschen, dem Göttlichen Worte, zu kämpfen, nicht mit den eigenen Verdiensten bewaffnet, sondern mit den Deinigen", o Domina, Dei Genitrix Maria et incorrupta mater Dei et hominis, non meis sed tuis armatus meritis, cum isto viro, scilicet Verbo Dei, luctari cupio (Rup. prolog. in Canic). O wie mächtig und stark ist man bei Jesus Christus, wenn man mit den Verdiensten und der Vermittlung der über alles ehrwürdigen Gottesmutter ausgerüstet ist, die, wie der hl. Augustin sagt, durch ihre Liebe den Allmächtigen besiegt hat!

2. Maria reinigt und veredelt die guten Werke ihres treuen Dieners und bewirkt, dass ihr Sohn sie annimmt

  1. Weil man bei dieser vollkommenen Andacht alle seine guten Werke dem Heilande durch die Hände seiner heiligsten Mutter schenkt, so reinigt diese sie von allem Staub der Eigenliebe und der kleinsten Anhänglichkeit an die Geschöpfe, welche sich unbemerkt selbst in unsere besten Handlungen einschleicht. Sobald sie in ihren heiligen und fleißigen Händen sind, die nie leer oder müßig sind, und alles reinigen, was sie berühren, so nimmt sie von dem Geschenk, das man ihr macht, alles hinweg, was daran minderwertig oder unvollkommen ist.
  2. Sie verschönert sie auch, indem sie sie mit ihren Verdiensten und Tugenden schmückt. Sie macht es dabei gerade so, wie ein Landmann, der die Freundschaft und das Wohlwollen des Königs gewinnen will, daher zur Königin geht und ihr als ersten Ertrag seines Gartens einen Apfel überreicht, damit sie ihn dem König darbringe. Nachdem die Königin das kleine armselige Geschenk des Landmanns angenommen hat, legt sie diesen Apfel auf eine schöne goldene Schale und überreicht ihn so dem König an Stelle des Landmanns. Der Apfel, an sich ein unwürdiges Geschenk für den König, wird so mit Rücksicht auf die Person, die ihn darreicht und auf die goldene Schale, auf der er dargeboten wird, eine Gabe, die der Majestät des Königs entspricht.
  3. Maria übergibt die guten Werke ihres Dieners vollständig ihrem Sohne Jesus Christus, ohne auch nur das geringste von allem, was man ihr opfert, für sich zu behalten. Sie gibt alles getreu an Jesus weiter. Wenn man ihr etwas schenkt, schenkt man es damit selbstredend auch Jesus; wenn man sie lobt, wenn man sie verherrlicht, lobt und verherrlicht sie sogleich ihren göttlichen Sohn. Wie ehedem, als die hl. Elisabeth Maria selig pries, singt sie auch jetzt, wenn man sie lobt und benedeit: Magnificat anima mea Dominum (Lk 1,46).
  4. Maria erwirkt, dass Jesus Christus die guten Werke ihres Dieners bereitwillig annimmt, so gering und ärmlich sie auch als Geschenk für ihn, den Heiligsten der Heiligen, den König der Könige sein mögen. Wenn man dagegen persönlich Jesus etwas übergibt und sich dabei auf seine eigene Geschicklichkeit und Anlage stützt, untersucht er das Geschenk genau, verwirft es oft genug wegen der Befleckung, die es durch die Eigenliebe erlitten hat, wie Gott ehedem auch die Opfer der Juden verwarf, die nur an die Erfüllung ihres eigenen Willens dachten. Wenn man ihm aber ein Werk durch die reinen und jungfräulichen Hände seiner innigst geliebten Mutter überreichen lässt, dann fasst man ihn sozusagen bei seiner schwachen Seite, wenn es mir erlaubt

ist, diesen Ausdruck zu gebrauchen. Er schaut alsdann nicht so sehr auf die Sache, die ihm dargeboten wird, als auf seine gute Mutter, welche sie ihm darreicht. Er achtet nicht so sehr darauf, woher das Geschenk kommt, als auf diejenige, durch welche es angeboten wird. So bewirkt Maria, die von ihrem Sohne niemals abgewiesen, sondern stets in Liebe aufgenommen wird, dass die göttliche Majestät mit Wohlgefallen alles von ihr entgegennimmt, was sie ihr darbietet, sei es klein oder groß. Es genügt, dass Maria es überreicht, Jesus wird es dann stets mit Freuden annehmen und anerkennend beurteilen. Daher gab auch der hl. Bernhard allen, die er zur Vollkommenheit führte, den guten Rat: „Wenn ihr etwas Gott opfern wollet, so seid darauf bedacht, es durch die liebreichsten und ehrwürdigsten Hände Mariä darzubringen, wenn anders ihr nicht zurückgewiesen werden wollet", modicum quid offerre desideras, manibus Mariae offerendum cura, si non vis sustinere repulsam (S. Bernardus, Lib. de Aqu^d).

Gibt das, wie wir bereits gesehen haben, nicht schon das natürliche Empfinden den Kleinen den Großen gegenüber ein? Warum sollte uns die Gnade nicht auch bestimmen, dasselbe Gott gegenüber zu tun, der über uns unendlich erhaben ist und vor dem wir weit geringer sind als Stäubchen, während wir an Maria eine Fürsprecherin haben, so mächtig, dass sie niemals zurückgewiesen wird, so klug, dass sie alle Geheimnisse kennt, um das Herz Gottes zu gewinnen und so gütig und liebevoll, dass sie niemanden abweist, wie gering und ärmlich er auch sein mag!

Vierter Beweggrund - Die wahre Andacht zu Maria ist ein ausgezeichnetes Mittel,

die größere Ehre Gottes zu fördern

Wer diese Andacht getreu übt, besitzt in ihr ein vorzügliches Mittel, um zu erreichen, dass alle seine guten Werke zur größeren Ehre Gottes verwendet werden. Fast niemand unter den Menschen arbeitet für dieses höchste und edelste Ziel, obwohl wir dazu doch verpflichtet sind. Viele wissen ja leider gar nicht, was Gott zur größeren Ehre gereicht, und viele wollen es auch nicht wissen. Die allerseligste Jungfrau aber, der man als treuer Diener den Wert und die Verdienste seiner guten Werke abgetreten hat, erkennt aufs Vollkommenste, was zur größeren Ehre Gottes gereicht und tut daher auch alles für diesen höchsten und vollkommensten Zweck. So kann ein vollkommener Diener dieser guten Herrin, der sich ihr ganz geweiht hat, zuversichtlich behaupten, dass der Wert aller seiner Gedanken, Worte und Werke zur größeren Ehre Gottes verwendet werde, wenn er nicht ausdrücklich sein Opfer widerruft. Kann es etwas Trostreicheres für eine Seele geben, welche den Herrn auf diese Weise mit reiner Liebe und völliger Uneigennützigkeit liebt, und bei allen Dingen die Ehre und Interessen Gottes höher anschlägt als ihre eigenen?

Fünfter Beweggrund - Diese Andacht führt zur Vereinigung mit Gott

Die wahre Andacht zu Maria ist weiterhin ein leichter, kurzer, vollkommener und sicherer Weg, um zur Vereinigung mit Gott zu gelangen, worin die Vollkommenheit des Christen besteht.

1. Ein leichter Weg

Jesus Christus selbst hat diesen Weg gebahnt, als er zu uns kam, und auf ihm gibt es kein Hindernis, das uns den Zugang zu ihm versperren oder uns aufhalten könnte. Man kann gewiss auch auf anderen Wegen zur Vereinigung mit Gott gelangen. Aber auf ihnen werden viel mehr Kreuze stehen, weit schwerere Opfer verlangt werden und viel größere Schwierigkeiten zu überwinden sein. Auf diesen Wegen muss man über schroffe Felsen, spitzige Dornen durch entsetzliche Wüsten und finstere Nächte wandeln, schwere Kämpfe und schreckliche Todesängste bestehen. Auf dem Wege Mariä wandelt man angenehmer und ruhiger. Man muss

gewiss auch dort noch schwere Kämpfe durchmachen und große Schwierigkeiten überwinden. Aber diese gute Mutter und Herrin hält sich stets in nächster Nähe ihrer treuen Diener auf, um sie in ihren Finsternissen zu erleuchten, in ihren Zweifeln aufzuklären, in ihren Beängstigungen zu stärken und in ihren Kämpfen und Schwierigkeiten aufrecht zu erhalten, sodass dieser jungfräuliche Weg im Vergleich zu den anderen, in Wahrheit ein Weg von Rosen und Honig ist. Es hat Heilige gegeben, wiewohl nicht viele, wie der hl. Ephrem, der hl. Johannes Damaszenus, der hl. Bernhard, der hl. Bernardin, der hl. Bonaventura, der hl. Franz von Sales usw., die auf diesem süßen Wege gewandelt sind, um zu Jesus zu gelangen. Der Heilige Geist, der treue Bräutigam Mariä, hat ihnen denselben durch besondere Gnade gezeigt. Die anderen Heiligen aber, deren Zahl bedeuten größer ist, haben bei aller Andacht zur allerseligsten Jungfrau diesen Weg entweder gar nicht oder nur sehr wenig betreten, sodass sie viel schwerere und gefährlichere Prüfungen bestehen mussten.

Woher kommt es denn aber, wird mir ein treuer Diener Mariä sagen, dass die getreuen Diener dieser guten Mutter dennoch so viele Leiden zu ertragen haben, oft mehr als die anderen, welche ihr nicht so ergeben sind? Man widerspricht ihnen, man verfolgt sie, man verleumdet sie, man kann sie nicht leiden; oder aber sie wandeln selbst in inneren Finsternissen und durch Wüsten, wo nicht der geringste Tropfen Himmelstau fällt. Wenn diese vollkommene Andacht zur allerseligsten Jungfrau den Weg zu Christus erleichtert, woher kommt es denn, das ihre treuesten Anhänger am meisten gekreuzigt sind? Ich antworte ihm: Es ist keineswegs zu leugnen, dass die getreuen Diener der heiligen Jungfrau, da sie ihre größten Lieblinge sind, von ihr auch die größten Gnaden und Gunstbezeugungen des Himmels empfangen, und dieses sind vor allem die Kreuze und Leiden hier auf Erden. Ich behaupte aber auch, dass es gerade Diener Mariä sind, welche diese Kreuze weit leichter, verdienstlicher und ehrenvoller tragen, als die übrigen Menschen. Was einen anderen tausendmal aufhalten oder zu Fall bringen könnte, hält sie kein einziges Mal auf, befördert vielmehr ihren Fortschritt. Denn diese gute Mutter, ganz voll der Gnade und Salbung des Heiligen Geistes, macht all diese Kreuze leicht erträglich. Wie wohlschmeckende Früchte, zubereitet in dem Zucker ihrer mütterlichen Güte und in dem kostbaren Saft ihrer reinen Liebe, reicht sie die Leiden dar, so dass man sie gleich eingemachten Nüssen freudig annimmt, obschon sie an sich sehr bitter sind. Auch glaube ich, dass jemand, der ein frommes, christliches Leben führt, und daher bereitwillig Verfolgung leiden und alle Tage sein Kreuz tragen will, niemals ein schweres Kreuz freudig bis zum Ende des Lebens tragen wird, ohne eine zarte Andacht zur allerseligsten Jungfrau zu pflegen, welche jedes Kreuz versüßt, gleichwie niemand ohne große, beharrliche Überwindung grüne Nüsse genießen könnte, wenn sie nicht durch Zucker versüßt sind.

2. Ein kurzer Weg

Die Andacht zur allerseligsten Jungfrau ist ferner ein kurzer Weg, um Christus zu finden, weil man sich auf ihm einerseits nicht verirrt, andererseits, wie ich schon sagte, auf ihm mit größerer Freude und Leichtigkeit wandelt und darum auf ihm umso schneller vorwärts kommt. In kurzer Zeit macht man durch die demütige Unterwerfung unter die Leitung Mariä größere Fortschritte, als sonst in vielen Jahren, in denen man seinem eigenen Willen folgte und auf sein persönliches Können vertraute. Denn ein Maria gehorsamer und ergebener Mensch wird Siegeshymnen über alle seine Feinde singen. Diese werden zwar versuchen, ihn in seinen Fortschritten zu hindern, oder ihn zum Zurückweichen oder gar zu Fall zu bringen, aber mit Unterstützung und Leitung Mariä wird er sicher, unverzagt und beharrlich Christus auf demselben Wege entgegengehen, auf dem dieser selbst mit Riesenschritten und in kurzer Zeit zu uns gekommen ist.

Warum hat wohl Jesus Christus nur so kurze Zeit auf Erden gelebt und von den wenigen Jahren, die er hier zubrachte, fast sein ganzes Leben in Gehorsam sich seiner Mutter unterworfen? Gerade, weil er in kurzem vollendet, lange gelebt hat, länger als Adam, dessen Sündenfall gutzumachen er gekommen war, obgleich dieser mehr als 900 Jahre erreichte. Jesus Christus brauchte nur deswegen so kurze Zeit hier auf Erden zu bleiben, weil er in ständiger Unterwürfigkeit gegen seine heilige Mutter und in inniger Vereinigung mit ihr lebte, um Gott seinem Vater zu gehorchen. Denn wer seine Mutter ehrt, gleicht einem Menschen, der Schätze sammelt, sagt der Heilige Geist, d.h. wer Maria, seine Mutter ehrt, indem er sich ihr unterwirft und ihr in allen Dingen gehorcht, wird rasch sehr reich werden, weil er alle Tage durch das Geheimnis dieses Steines der Weisen Schätze aufhäuft: Qui honorat Matrem, quasi qui thesaurizat (Eccli 3,5). Senectus mea in misericordia uberi, „mein Greisenalter ist in der Barmherzigkeit des Mutterschoßes." Im Schoße Mariä, welcher den vollkommensten Menschen umschloss und zur Welt gebar, im Schoße Mariä, der die Fähigkeit besaß, denjenigen zu empfangen, den die ganze Welt nicht fassen kann, erreichen Jünglinge in kurzer Zeit die Erleuchtung und Würde, die Erfahrung und Weisheit des Greisenalters und erlangen so in wenigen Jahren das Vollalter Christi.

3. Ein vollkommener Weg

Diese Andacht zur allerseligsten Jungfrau ist auch ein vollkommener Weg, um zu Jesus Christus zu gelangen und sich mit ihm zu vereinigen, da Maria selbst das vollkommenste und heiligste Geschöpf ist und der Sohn Gottes, der auf vollkommenste Weise zu uns kommen wollte, für seine große und wunderbare Herabkunft auf diese Erde keinen geeigneteren Weg wählen konnte. Der Allerhöchste, der Unbegreifliche und Unnahbare, derjenige, der das Sein in sich trägt, hat sich zu uns herabgelassen, die wir nichts als kleine Erdenwürmer sind. Wie hat er dies getan? In göttlicher Weise stieg er durch Maria, die demütigste Jungfrau, zu uns herab, ohne etwas von seiner göttlichen Würde und Heiligkeit zu verlieren. Durch Maria sollen daher auch wir ohne jegliche Furcht zum Allerhöchsten emporsteigen. Der Unermessliche hat sich von Maria, der unscheinbaren Jungfrau, völlig umschließen lassen, ohne etwas von seiner Unermesslichkeit einzubüßen. So sollen auch wir uns durch Maria vollkommen, ohne irgendwelchen Vorbehalt umfassen und führen lassen. Der Unnahbare hat sich uns genähert, sich eng, vollkommen, ja persönlich mit unserer Menschheit durch Maria vereinigt, ohne etwas von seiner Majestät zu verlieren. So sollen auch wir durch Maria uns Gott nähern und uns mit seiner Majestät vollkommen und eng vereinigen, ohne Furcht, zurückgewiesen zu werden. Endlich wollte der, der da ist, zu dem kommen, was nichts ist, um das, was nichts ist, zu vergöttlichen. Er hat dies vollkommen getan, indem er sich der demütigen Jungfrau Maria schenkte und sich ihr unterwarf, ohne aufzuhören, in der Zeit derjenige zu sein, der da ist in alle Ewigkeit. So können auch wir, obwohl wir nichts sind, mit Hilfe Mariä Gott ähnlich werden durch die Gnade und Glorie, indem wir uns ohne Furcht vor Täuschung ihr so vollkommen schenken, dass wir nichts sind in uns selbst, aber alles in ihr.

Mag man mir auch einen anderen Weg zeigen, um zu Jesus zu gelangen, und mag dieser Weg mit allen Verdiensten der Seligen versehen, mit all ihren heroischen Tugenden geschmückt, mit allem Licht und aller Schönheit der Engel erleuchtet und verklärt sein, mögen sich alle Engel und Heiligen anbieten, diejenigen, welche darauf wandeln wollen, auf alle Art zu schützen und zu fördern: wahrlich, ich scheue mich nicht, offen und frei zu bekennen, dass ich diesem Wege, mag er noch so vollkommen sein, den unbefleckten Weg Mariä vorziehen werde: Posuit immaculatam viam meam (Ps 19,13), der in der Tat ohne Makel und Flecken, ohne Erbschuld und persönliche Sünde, ohne Schatten und Finsternis ist. Wenn mein liebenswürdigster Jesus in seiner Glorie ein

zweitesmal auf die Erde kommen wird (was ja gewiss ist), um hier seinen Herrschaftsthron zu besteigen, wird er keinen anderen Weg wählen, als die hehre Jungfrau Maria, durch die er in so vollkommener Weise das erstemal zu uns kam. Der Unterschied zwischen seiner ersten und zweiten Ankunft wird nur darin bestehen, dass die erste geheim und verborgen war, die zweite hingegen glorreich und herrlich sein wird; aber beide sind vollkommen, weil bei beiden der Weg durch Maria gewählt wird. Hierin gerade erkenne wir ein Geheimnis das die wenigsten begreifen können: Hic taceat omnis lingua, „hier schweige jede Zunge."

4. Ein sicherer Weg

Die wahre Andacht zu Maria ist endlich ein sicherer Weg, um zu Jesus Christus zu kommen und durch die Vereinigung mit ihm die Vollkommenheit zu erreichen.

1. Jedermann kann mit dem Gefühl der Sicherheit diesen Weg betreten, denn er ist keineswegs neu. Er ist vielmehr so alt, dass Boudon, der im Rufe der Heiligkeit starb, in einem Buche, das er über diese Andacht schrieb, die Anfänge derselben nicht genau angeben kann. Jedenfalls steht fest, dass man seit mehr als 700 Jahren Spuren davon in der Kirche findet. Der heilige Odilo, Abt von Cluny, der im Jahre 1048 starb, war einer der ersten, der sie öffentlich in Frankreich übte, wie in seiner Lebensbeschreibung erzählt wird. Der hl. Kardinal Petrus Damianus berichtet, im Jahre 1036 habe sich der sel. Marin, sein Bruder, in Gegenwart seines Seelenführers in erbaulichster Weise völlig in den Dienst der allerseligsten Jungfrau gestellt. Er legte sich nämlich einen Strick um den Hals, geißelte sich und opferte auf dem Altar eine Summe Geldes zum Zeichen seiner vollständigen Hingabe und Weihe an diese erhabene Herrin. Diese Übung setzte er sein ganzes Leben hindurch so getreu fort, dass er zum Lohn für seine Dienste bei seinem Tode von Maria, seiner gütigen Herrin, besucht und getröstet wurde und aus ihrem Munde die Verheißung des Paradieses erhielt. Cäsarius Bollandus erwähnt einen berühmten Ritter Vautier de Birback, der dieselbe Weihe um das Jahr 1300 an die allerseligste Jungfrau vornahm, die in der Folgezeit von gar manchen privatim geübt wurde, bis sie zu Beginn des 17. Jahrhunderts auch öffentlich erfolgte.

Pater Simon de Roias aus dem Orden der heiligen Dreifaltigkeit, der für die Loskaufung der Gefangenen gestiftet war, brachte als Prediger am Hofe Philipps III., diese Andacht in ganz Spanien und Deutschland in Übung und erhielt auf Bitten des Königs von Gregor XV. reiche Ablässe für jene, welche sie übten. Der ehrwürdige Pater de Los-Rios aus dem Augustinerorden befliss sich mit seinem vertrauten Freunde, dem Pater de Roias, diese Andacht durch Wort und Schrift ebenfalls in Spanien und Deutschland zu verbreiten. Er verfasste ein umfangreiches Werk unter dem Titel: Hierarchia Mariana, in welchem er mit ebenso viel Frömmigkeit als Gelehrsamkeit das Alter, die Vortrefflichkeit und Gediegenheit dieser Weihe an Maria behandelte. Die ehrwürdigen Theatiner führten diese Andacht im 17. Jahrhundert auch in Italien, Sizilien und Savoyen ein. Der ehrwürdige Pater Stanislaus Phalacius aus der Gesellschaft Jesu verbreitete sie außerordentlich in Polen. Pater de Los-Rios berichtet in seinem oben erwähnten Buche die Namen der Fürsten, Fürstinnen, Herzöge und Kardinäle der verschiedenen Königreiche, welche diese Andacht angenommen hatten.

Cornelius a Lapide (t1637), ebenso angesehen wegen seiner Frömmigkeit als wegen seines tiefen Wissens, erhielt von mehreren Bischöfen und Theologen den Auftrag, diese Andacht zu prüfen. Nachdem er sie reiflich durchdacht hatte, sprach er sich so anerkennend über sie aus, wie es seiner Frömmigkeit entsprach, und mehrere hervorragende Theologen derselben Zeit folgten seinem Beispiel. Die Väter der Gesellschaft Jesu, stets eifrig im Dienste der allerseligsten Jungfrau, unterbreiteten dem Herzog Ferdinand von Bayern, der damals Erzbischof von Köln

war, im Namen der dortigen Marianischen Kongregationen, eine kleine Abhandlung über die heilige Knechtschaft, der dieser seine Approbation und Druckerlaubnis erteilte, indem er alle Pfarrer und Ordensleute seiner Diözese ermahnte, diese gediegene Andacht soviel als möglich zu verbreiten. Der Kardinal de Bérulle, dessen Andenken in ganz Frankreich in hohen Ehren ist, war dort einer der eifrigsten Verbreiter dieser Andacht trotz aller Verleumdungen und Verfolgungen von seiten der Kritiker und Freigeister. Sie klagten ihn der Neuerung des Aberglaubens an, schrieben und veröffentlichten gegen ihn eine Schrift voller Verleumdungen und bedienten sich nach teuflischer Art tausenderlei Listen, um ihn an der Verbreitung dieser Andacht in Frankreich zu hindern. Aber dieser große und heilige Mann antwortete auf ihre Verleumdungen nur durch seine Geduld und auf ihre in jenem Buch enthaltenen Einwürfe mit einer kleinen Gegenschrift, worin er sie siegreich widerlegte. Er wies nach, dass diese Andacht auf das Beispiel Jesu Christi gegründet ist, auf die Verpflichtungen, die wir ihm gegenüber erfüllen müssen, und auf die Gelübde, die wir in der heiligen Taufe abgelegt haben. Ganz besonders mit letzterem Grunde schloss er seinen Gegnern den Mund, indem er ihnen zeigte, dass diese Weihe an die heilige Jungfrau und durch Maria an Jesus Christus nichts anderes als eine vollkommene Erneuerung der Taufgelübde ist. Er sagt über diese Andacht viel Schönes, das man in seinen Werken nachlesen kann.

Boudon zählt in seinem bereits erwähnten Buche die verschiedenen Päpste auf, welche diese Andacht gebilligt, und nennt die Theologen, die sie geprüft haben. Er erwähnt die Verfolgungen, welche diese Andacht auszuhalten und überwunden hat und zählt Tausende von Personen auf, welche sie geübt haben, ohne dass jemals ein Papst sie verurteilt hätte. Dies wäre ja auch gar nicht möglich, ohne die Fundamente des Christentums zu zerstören. Es steht somit fest, dass diese Andacht nicht neu ist. Wenn sie noch keine allgemeine Verbreitung gefunden hat, so kommt dies daher, dass sie zu kostbar ist, um von jedermann geschätzt und geübt zu werden.

2. Diese Andacht ist ferner ein sicheres Mittel, um zu unserem Herrn zu kommen, weil niemand so sehr wie Maria bemüht ist, uns sicher zu Jesus Christus zu führen, wie wiederum Jesus besonders danach trachtet, uns sicher zum ewigen Vater zu führen. Niemand möge dem Irrtum Raum geben, Maria hindere uns, zur Vereinigung mit Gott zu gelangen. Denn wäre es möglich, dass Maria, welche Gnade vor Gott gefunden hat, alle insgesamt oder auch nur eine einzige Seele daran hindern könnte, die große Gnade der Vereinigung mit Gott zu finden? Wäre es möglich, dass Maria, welche überreich an Gnade mit Gott aufs innigste vereinigt, ja in Gott umgebildet war, sodass er selbst Fleisch in ihr angenommen hat, eine Seele in der vollkommenen Vereinigung mit Gott stören sollte? Es ist wohl wahr, dass der Anblick anderer, auch heiliger Geschöpfe, vielleicht für eine gewisse Zeit die Vereinigung verzögern kann; aber das gilt nicht von Maria, wie ich gesagt habe und es immer wieder sagen werde. Ein Grund, warum so wenige Seelen zum Vollalter Jesu Christi gelangen, ist der, das Maria, welche auch jetzt noch die Mutter des Sohnes und die fruchtbare Braut des Heiligen Geistes ist, nicht genug in ihren Herzen nachgebildet ist. Wer eine ganz reife und völlig tadellose Frucht haben will, muss den Baum haben, der sie hervorbringt; wer die Frucht des Lebens, Jesus Christus, sein eigen nennen will, muss den Baum des Lebens besitzen, welcher Maria ist. Wer an sich die Wirkung des Heiligen Geistes erfahren will, muss mit seiner getreuen und unzertrennlichen Braut, der allerseligsten Jungfrau Maria, vereinigt sein, die ihn ergiebig und fruchtbar macht, wie wir bereits gesagt haben.

Seid deshalb überzeugt, je mehr ihr in euren Gebeten, Betrachtungen, Handlungen und Leiden auf Maria schaut, mag es auch nicht mit bestimmter und wahrnehmbarer Absicht, so doch mit einem allgemeinen und unmerklichen Blick geschehen, desto vollkommener werdet ihr

Jesus Christus finden, der immer mit Maria groß, mächtig, wirksam und unbegreiflich ist und zwar mehr als im Himmel oder irgend einem Geschöpf des Universums. Weit entfernt also, dass die allerseligste Jungfrau Maria, ganz versenkt in Gott, den unendlichen Vollkommenen, ein Hindernis ist, um zur Vereinigung mit Gott zu gelangen, gab es bis jetzt niemals ein Geschöpf und wird es auch niemals ein solches geben, das uns kräftiger dabei unterstützen könnte als Maria. Sie wird uns am ehesten dazu verhelfen können durch die Gnaden, die sie uns zu diesem Zwecke mitteilt. Denn wie ein Heiliger sagt, wird niemand von dem Gedanken an Gott erfüllt als nur durch sie: Nemo cogitatione Dei repletur nisi per te. Sie wird sich unser auch immer mit der größten Sorgfalt annehmen, um uns vor Arglist und Täuschung des bösen Geistes zu schützen.

Dort, wo Maria ist, kann der Teufel nicht weilen. Daher ist es ein unfehlbares Kennzeichen, dass man vom guten Geist geführt wird, wenn man eine große Andacht zu dieser guten Mutter hat, oft an sie denkt und oft von ihr spricht. Deshalb fügt jener Heilige hinzu: wie das Atmen ein sicheres Zeichen ist, dass der Körper lebt, so ist der häufige Gedanke an Maria und ein oft wiederholtes, liebevolles Gebet zu ihr ein sicheres Merkmal, dass die Seele, frei von der Sünde, das Leben der Gnade bewahrt hat.

Da Maria allein alle Häresien besiegt und vernichtet hat, wie die Kirche und der Heilige Geist bekennen: Sola cunctas h^reses interemisti in universo mundo, wird ein getreuer Verehrer Mariä, obwohl die Kritiker dieses nicht anerkennen wollen, niemals in eine Häresie oder einen Glaubensirrtum verfallen, wenigstens nie in formeller Weise. Er mag materiell irren, die Lüge für Wahrheit, den bösen Geist für den guten halten, wenn auch nicht so leicht als ein anderer; früher oder später wird er aber seinen Fehler und seinen materiellen Irrtum erkennen, und wenn er ihn erkannt hat, nie und nimmer hartnäckig darauf bestehen oder daran festhalten.

Wer daher ohne Furcht vor Irrtum - dem Gebet ergebenen Personen ist solche Furcht leicht eigen - auf dem Wege der Vollkommenheit vorankommen und sicher und vollständig Jesus Christus finden will, der möge mit einem großen Herzen und starken Willen sich zu dieser Andacht zur allerseligsten Jungfrau entschließen, die ihm bisher vielleicht noch unbekannt geblieben ist. Er betrete diesen ausgezeichneten verborgenen Weg, den ich ihm zeige: Excellentiorem viam vobis demonstro (1 Kor 12,31). Er ist ein Weg, den Jesus Christus, die fleischgewordene Weisheit, unser einziges Haupt, gebahnt hat; wer auf ihm wandelt, kann sich nicht verirren. Es ist ein angenehmer Weg wegen der Fülle der Gnaden und der Salbung des Heiligen Geistes, die ihn erleichtern; wer auf ihm wandelt, ermüdet nicht und kommt stets vorwärts. Es ist ein kurzer Weg, welcher uns in geringer Zeit zu Jesus, unserem Ziele, führt. Es ist ein vollkommener Weg, auf dem kein Schmutz, kein Staub, selbst nicht die geringste Befleckung der Sünde zu finden ist. Es ist endlich ein sicherer Weg, der uns in gerader Richtung zu Christus und zum ewigen Leben führt, ohne zur Rechten oder zur Linken abzuweichen. Zögern wir demnach nicht, diesen Weg zu betreten und wandeln wir Tag und Nacht auf ihm bis zum Vollalter Jesu Christi.

Sechster Beweggrund - Diese Andacht verleiht große innere Freiheit

Diese Andacht gibt allen, welche sie treu üben, große innere Freiheit, nämlich die Freiheit der Kinder Gottes. Da man sich durch diese Andacht zum Liebessklaven Christi macht und sich in dieser Eigenschaft ihm ganz weiht, nimmt dieser gute Meister zum Lohn für die Knechtschaft, welche man aus Liebe angenommen hat, von der Seele zunächst jede Angst und knechtische Furcht hinweg, welche nur dazu dient, sie zu beengen, zu beunruhigen und zu verwirren. Sodann erweitert er das Herz durch stetes Vertrauen auf Gott, indem er es zu ihm aufblicken lässt, wie zu seinem Vater, und flößt ihm schließlich zarteste, kindliche Liebe ein.

Ohne mich dabei aufzuhalten, diese Wahrheit durch Gründe zu beweisen, will ich nur kurz erzählen, was ich im Leben der Mutter Agnes von Jesus gelesen habe, einer Nonne aus dem Orden des hl. Dominikus im Kloster zu Langeac in der Auvergne, welche dort i.J. 1634 im Rufe der Heiligkeit gestorben ist. Als sie, erst sieben Jahre alt, große Seelenschmerzen litt, hörte sie eine Stimme, welche zu ihr sagte, wenn sie sich von all diesen Leiden befreien und vor all ihren Feinden schützen wolle, solle sie sich sobald als möglich zu Sklavin Jesu und seiner heiligsten Mutter machen. Nach Hause zurückgekehrt, erweckte sie sofort diesen Akt völliger Hingabe an Jesus und seine heilige Mutter, obwohl sie bis dahin gar nicht wusste, was diese Andacht zu bedeuten habe. Als sie dann eine eiserne Kette fand, legte sie sich diese um ihre Lenden und trug sie bis zu ihrem Tode. Nach diesem feierlichen Entschluss schwanden alle ihre Schmerzen und Ängste, und sie genoss so süßen Frieden und so große Freiheit des Herzens, dass sie sich veranlasst sah, diese Andacht mehreren frommen Personen mitzuteilen, die bald große Fortschritte darin machten. Zu diesen gehörten u.a. auch M. Olier, der Begründer des Seminars St. Sulpice, und mehrere andere Priester und Geistliche desselben Seminars. Eines Tages erschien ihr auch die allerseligste Jungfrau und legte ihr eine goldene Kette um den Hals, um ihre Freude darüber zu bezeugen, dass sie sich zur Sklavin ihres Sohnes und zur ihrigen gemacht hatte. Die heilige Cäcilia, welche die allerseligste Jungfrau hierbei begleitete, sagte ihr: Selig sind die treuen Sklaven der Königin des Himmels, denn sie erfreuen sich der wahren Freiheit: Tibi servire libertas.

Siebter Beweggrund - Diese Andacht verschafft selbst unseren Nächsten große

Vorteile

Wer treu diese Andacht übt, erweist damit auch seinem Nächsten die größte Liebe, da er ihm durch die Hände Mariä das Teuerste gibt, was er hat, nämlich den genugtuenden und fürbittenden Wert aller seiner guten Werke, ohne den geringsten guten Gedanken oder das kleinste Leiden auszunehmen. Man erklärt sich ja bereit, die Früchte aller Genugtuungswerke, die man bereits erworben hat oder noch bis zum Tode erwerben wird, nach dem Willen der heiligen Jungfrau, entweder zur Bekehrung der Sünder oder zur Befreiung der Seelen aus dem Fegfeuer zur Verfügung zu stellen. Heißt das nicht, seinen Nächsten vollkommen lieben? Heißt das nicht, ein wahrer Schüler Jesu Christi sein, den man vor allem an der Nächstenliebe erkennt? Ist das nicht das Mittel, um die Sünder zu bekehren, ohne jede Furcht vor Eitelkeit, da man sozusagen nichts anderes tut, als was ein jeder in seinem Stande zu tun verpflichtet ist?

Um die Vortrefflichkeit dieses Beweggrundes zu begreifen, müsste man ermessen können, was für ein gutes Werk es ist, einen Sünder zu bekehren oder eine Seele aus dem Fegfeuer zu befreien. Ist es doch geradezu ein Werk von unendlichem Werte, erhabener und größer als Himmel und Erde zu erschaffen, da man einer Seele den Besitz Gottes verschafft. Wenn man durch diese Übung in seinem ganzen Leben nur eine einzige Seele aus dem Fegfeuer erlösen, nur einen einzigen Sünder bekehren würde, wäre das nicht genug, jeden Menschen, der wahre Liebe besitzt, zu veranlassen, diese Andacht zu wählen und anzunehmen? Man muss aber weiterhin noch bedenken, dass unsere guten Werke, wenn sie durch die Hände Mariä gehen, an Reinheit gewinnen und infolgedessen auch an Verdienst, an genugtuendem und fürbittendem Wert. Darum werden sie viel wirksamer den Seelen im Fegfeuer helfen und die Sünder bekehren können, als wenn sie nicht durch die jungfräulichen und freigebigen Hände Mariä gingen. Das wenige, was man ohne Eigenwillen und aus ganz uneigennütziger Liebe durch die heilige Jungfrau darbringt, wird wahrhaftig imstande sein, den Zorn Gottes zu besänftigen und seine Barmherzigkeit herabzuziehen. Es wird sich erst drüben im Jenseits zeigen, wie viele Seelen eine Person, welche diese Andacht treu geübt, durch dieses Mittel aus dem Fegfeuer befreit, wie viele

Sünder sie bekehrt hat, obwohl sie nur ihr tagtäglichen Werke verrichtete. Welche Freude bei ihrem Gericht! Welche Glorie für sie in der Ewigkeit!

Achter Beweggrund - Sie ist ein wunderbares Mittel zur Erlangung der

Beharrlichkeit

Was uns endlich noch mächtiger zu dieser Andacht zur allerseligsten Jungfrau antreiben muss, ist die Tatsache, dass sie ein wunderbares Mittel ist, um in der Tugend zu beharren und immer treu zu bleiben. Denn wie kommt es, dass die meisten Bekehrungen der Sünder nicht von Dauer sind? Wie kommt es, dass man so leicht in die Sünde zurückfällt? Wie kommt es, dass die meisten Gerechten, anstatt von Tugend zu Tugend voranzuschreiten und neue Gnaden zu erwerben, oft die wenigen Tugenden und Gnaden, welche sie haben, wieder verlieren? Dieses Unglück hat, wie ich oben gezeigt habe, darin seinen Grund, dass der Mensch, obwohl so verderbt, so schwach und unbeständig, dennoch auf sich selbst vertraut, sich auf seine eigene Kraft stützt und sich für fähig hält, den Schatz seiner Gnaden, Tugenden und Verdienste zu bewahren. Bei Übung dieser Andacht vertraut man dagegen der allerseligsten, allzeit getreuen Jungfrau alles an, was man besitzt; und erwählt sie zur Verwalterin aller seiner natürlichen und übernatürlichen Güter. Ihre Treue ist es, auf die man sich stützt, ihre Barmherzigkeit und Liebe, auf die man baut, damit sie unsere Tugenden und Verdienste bewahre und vermehre, trotz des Teufels, trotz der Welt und des Fleisches, welche alle Anstrengungen machen, uns diese zu entwinden. Man spricht zu ihr wie ein gutes Kind zu seiner Mutter oder wie ein treuer Diener zu seiner Herrin: Depositum custodi: „Gute Mutter und Herrin, ich erkenne, dass ich bisher durch Deine Vermittlung mehr Gnaden von Gott empfangen habe als ich verdiene. Meine traurige Erfahrung lehrt mich aber, dass ich diesen Schatz in einem sehr gebrechlichen Gefäß trage und zu schwach und zu elend bin, um ihn aus eigener Kraft zu bewahren. Ich bitte Dich daher, nimm als anvertrautes Gut alles entgegen, was ich besitze und bewahre es mir durch Deine Macht und Treue. Wenn Du es mir behütest, werde ich nichts verlieren: wenn Du mich stützest, werde ich nicht fallen; wenn Du mich schützest, bin ich gesichert vor meinen Feinden." Dasselbe hebt auch der hl. Bernhard ausdrücklich hervor, um uns für diese Andacht zu gewinnen: „Wenn Maria dich stützt, wirst du nicht fallen; wenn sie dich schirmt, hast du nichts zu fürchten, wenn sie dich führt, ermüdest du nicht, wenn sie dir günstig gesinnt ist, gelangst du in den Hafen des Heiles", ipsa tenente, non corruis; ipsa protegente, non metuis; ipsa duce, non fatigaris; ipsa propitia, pervenis (S. Bern. Serm. 2. super Missus est). Der hl. Bonaventura spricht denselben Gedanken noch deutlicher aus, wenn er sagt: „Die allerseligste Jungfrau hält sich nicht nur selbst in der Fülle der Heiligen auf, sondern sie bewahrt und behütet auch die Heiligen in ihrer Fülle, damit diese nicht abnehme; sie verhindert, dass die Tugenden der Heiligen schwinden, dass ihre Verdienste und Gnaden verloren gehen, dass der Teufel ihnen schade; sie verhindert endlich, dass unser Herr sie züchtig, wenn sie sündigen", Virgo non solum in plenitudine Sanctorum detinetur, sed etiam in plenitudine Sanctos detinet, ne plenitudo minuatur: detinet virtutes, ne fugiant; detinet merita, ne pereant; detinet gratias, ne effluant; detinet d^mones, ne noceant; detinet Filium, ne peccatores percutiat. (S. Bonav. in Specul. B. V.)

Maria ist die getreue Jungfrau. Durch ihre Treue gegen Gott machte sie die Verluste wieder gut, welche die untreue Eva durch ihre Treulosigkeit verursacht hatte. Auch heute noch erwirkt sie die Tugend der Treue gegen Gott und die Gnade der Beharrlichkeit allen jenen, welche sich ihr geweiht haben. Darum vergleicht ein Heiliger Maria mit einem festen Anker, der die Menschen zurückhält und nicht zulässt, dass sie in dem bewegten Meere dieser Welt Schiffbruch leiden, wo so viele Menschen zugrunde gehen, weil sie sich nicht fest an diesen Anker anklammern. „Wir klammern", sagt er, „unsere Seele an Deine Hoffnung wie an einen festen Anker", animas ad spem tuam sicut ad firmam anchoram alligamus. An Maria haben sich die Heiligen, die gerettet wurden, am meisten angeschlossen, um sich die Gnade der Beharrlichkeit zu sichern. Glücklich, ja tausendmal glücklich die Christen, welche sich auch jetzt treu und vollkommen an Maria anschließen und sie als ihren sicheren Anker betrachten. In den wütenden Stürmen dieser Welt werden sie nicht untergehen, auch ihre himmlischen Schätze nie verlieren. Glücklich diejenigen, welche in Maria eingehen, wie in die Arche Noes! Die Wasser der Sündflut, die so viele Menschen begraben, werden ihnen nicht schaden, denn: Qui operantur in me non peccabunt (Eccli. 24,30). „Jene, welche in mir ihre Werke vollbringen, werden nicht sündigen", sagt Maria von sich mit den Worten der ewigen Weisheit. Selig die Kinder der unglücklichen Eva, die sich dieser treuen Mutter und Jungfrau anschließen, die immer getreu bleibt und sich niemals verleugnet: Fidelis permanet, se ipsam negare non potest, die stets jene liebt, welche sie lieben: Ego diligentes me diligo (Prov. 8,17), und zwar nicht nur mit einer gefühlsmäßigen, sondern mit einer tätigen und wirksamen Liebe. Denn sie bewahrt sie durch überfließende Gnaden davor, in der Tugend Rückschritte zu machen, der Gnade ihres göttlichen Sohnes verlustig zu gehen oder auf dem Wege zu fallen.

Diese gute Mutter nimmt stets aus reinster Liebe alles, was man ihr schenkt, als anvertrautes Gut entgegen. Hat sie es erst einmal in Verwaltung genommen, so fühlt sie sich aus Gerechtigkeit in Kraft des Hinterlegungsvertrages verpflichtet, es uns zu bewahren; gerade wie jemand, dem ich tausend Taler zur Bewahrung anvertraut hätte, verpflichtet wäre, sie mir vollständig und unversehrt zu bewahren, so dass, wenn sie durch seine Nachlässigkeit verloren gingen, er mit vollem Recht dafür verantwortlich wäre. Doch nein! Maria wird in ihrer Treue durch Nachlässigkeit nichts verloren gehen lassen, was man ihr anvertraut. Eher würden Himmel und Erde vergehen, als dass sie jenen gegenüber nachlässig und treulos wäre, die sich ihr anvertraut haben. Arme Kinder Mariä, eure Schwachheit ist außerordentlich groß, euer innerstes Wesen ist verderbt, ihr entstammt derselben verderbten Masse wie alle anderen Kinder Adams und Evas. Doch verzaget darum nicht! Tröstet und freut euch! Jetzt erkennet ihr das Geheimnis, das ich euch lehre, das fast allen Christen, selbst den frömmsten, unbekannt ist. Lasset euer Gold und Silber nicht in euren Schränken liegen, die vom bösen Feinde, der euch bestehlen will, schon so oft erbrochen wurden, die auch viel zu klein, zu wenig widerstandsfähig und zu alt sind, um einen so kostbaren Schatz zu bewahren. Leitet das klare, reine Quellwasser nicht in eure beschädigten und von der Sünde befleckten Gefäße! Wenn auch die Sünde nicht mehr darin ist, so ist doch noch ihr Geruch darin; das Wasser würde dadurch verdorben. Gießet eure köstlichen Weine nicht in eure alten Fässer, die mit schlechtem Wein gefüllt waren; sie würden dadurch nur verderben und in Gefahr kommen, verschüttet zu werden.

Wiewohl ihr mich gewiss völlig versteht, auserwählte Seelen, muss ich hier doch noch deutlicher sprechen. Vertrauet das Gold eurer Liebe, das Silber eurer Reinheit, das Wasser der himmlischen Gnaden und den Wein eurer Verdienste und Tugenden doch nicht einem durchlöcherten Sacke an, einer alten zerbrochenen Truhe, einem schmutzigen und verdorbenen Gefäß, wie ihr es seid! Ihr werdet sonst von den Dieben, d.h. von den bösen Geistern ausgeplündert werden, die Tag und Nacht lauern, um den geeigneten Zeitpunkt auszuspähen, ihren Raub auszuführen. Ihr werdet sonst durch den üblen Geruch eurer Eigenliebe, eures Selbstvertrauens und eures Eigensinns alles verderben, was Gott euch gibt, und wäre es noch so lauter. Leget, schüttet ja all eure Schätze, all eure Gnaden und Tugenden in den Schoß und in das Herz Mariä: Sie ist ein geistliches Gefäß, ein ehrwürdiges und vortreffliches Gefäß der Andacht: Vas spirituale, vas honorabile, vas insigne devotionis. Seitdem sich Gott selbst mit all seinen Vollkommenheiten in dieses Gefäß eingeschlossen hat, ist es ganz geistlich und die erhabene Wohnung der geistlichen Seele geworden. Es ist auch ehrwürdig geworden und der Ehrenthron für die größten Fürsten der Ewigkeit; es ist das auserlesene Gefäß der Andacht geworden und der vornehmste Wohnsitz der Tröstungen, Gnaden und Tugenden; es ist endlich reich geworden wie ein goldenes Haus, stark wie ein Turm Davids und rein wie ein elfenbeinener Turm.

O, wie glücklich ist ein Mensch, der alles Maria geschenkt, der sich ganz und gar Maria anvertraut hat und sich vollkommen in ihr verliert! Er ist ganz in Maria, und Maria ist ganz in ihm; mit David darf er kühn sagen: H«c facta est mihi (Ps 118,56), „Maria ist für mich geschaffen", oder mit dem Liebesjünger: Accepi eam in mea (Ps 19,27), „Ich habe sie gegen all das Meine als Eigentum empfangen", ja selbst mit Jesus Christus: Omnia mea tua sunt, et omnia tua mea sunt (Joh 17,10), „All das Meinige ist sein, und all das Deinige ist mein."

Wenn ein Kritiker, der dieses liest, bei sich denken sollte, ich spräche hier mit Übertreibung und überspannter Frömmigkeit, ach er versteht mich nicht, sei es, weil er zu sinnlich ist und daher an geistlichen Dingen keinen Geschmack findet, sei es, weil er von dieser Welt ist, die den Heiligen Geist nicht empfangen kann, sei es endlich, weil er ein stolzer und tadelsüchtiger Mensch ist, der alles verwirft und verachtet, was er nicht versteht. Die Seelen hingegen, „die nicht geboren sind aus dem Blute, noch aus dem Willen des Fleisches, noch aus dem Willen des Mannes, sondern aus Gott" und aus Maria, verstehen mich und stimmen mir zu; sie sind es auch, für die ich dieses schreibe. Indes bemerke ich für die einen wie für die anderen, um den verlassenen Gegenstand wieder aufzunehmen, dass die allerseligste Jungfrau Maria eben, weil sie das treueste und freigebigste unter allen reinen Geschöpfen ist, sich nie an Liebe und Freigebigkeit übertreffen lässt. Für ein Ei, sagt ein Gottesmann, gibt sie uns ein Huhn, das will sagen: für das wenige, was man ihr schenkt, gibt sie uns gar viel von dem, was sie von Gott empfangen hat. Wenn sich also eine Seele ihr ohne Vorbehalt hingibt, schenkt auch sie sich dieser Seele ohne Vorbehalt, vorausgesetzt natürlich, dass man ohne Vermessenheit sein Vertrauen auf sie setzt und sich ernstlich bemüht, Tugenden zu erwerben und die Leidenschaften zu bezähmen.

Es dürfen demnach die treuen Diener der allerseligsten Jungfrau mit dem hl. Johannes Damaszenus getrost ausrufen: „Wenn ich auf Dich vertraue, o Gottesmutter, werde ich gerettet sein; wenn Du mich schützest; werde ich nichts zu fürchten haben; mit Deiner Hilfe werde ich meine Feinde bekämpfen und in die Flucht schlagen: denn die Andacht zu Dir ist eine Waffe des Heils, die Gott denen verleiht, die er retten will", spem tuam habens, o Deipara, servabor; defensionem tuam possidens, non timebo, persequar inimicos meos et in fugam vertam, habens protectionem et auxilium tuum; nam tibi devotum esse sunt arma qu«dam salutis; qu« Deus his dat, quos vult salvos fieri. (S. Joan. Damasc. Serm. de Annunt.)