Download PDFdownload

Abhandlung von der Wahren Andacht zur allerseligsten Jungfrau Maria - ZWEITER TEIL - Von der vorzüglichsten Andacht zur allerseligsten Jungfrau oder von der vollkommenen Hingabe an Jesus durch Maria

Spis treści

 

Erstes Kapitel - Wesen der vollkommenen Andacht zur

allerseligsten Jungfrau

1. Artikel - Die wahre Andacht besteht in einer vollkommenen Hingabe an Jesus

Christus durch Maria

Da die höchste Vollkommenheit, die wir erreichen können, darin besteht, dass wir Jesus Christus gleichförmig, mit ihm vereinigt und ihm geweiht sind, so ist die vollkommenste aller Andachten ohne Zweifel diejenige, welche uns am besten und sichersten zu diesem Ziele führt. Von allen Geschöpfen ist aber Maria dem Heiland am gleichförmigsten gewesen, woraus sich ergibt, dass von allen Andachten uns die Andacht zur allerseligsten Jungfrau, seiner heiligen Mutter, unserem Herrn am nächsten bringt, und dass eine Seele umso mehr Christus gehört, je mehr sie sich Maria geweiht hat. Deshalb ist auch die vollkommene Hingabe an Jesus Christus nichts anderes als eine gänzliche Hingabe an die allerseligsten Jungfrau - und das ist eben die Andacht, welche ich lehre - oder mit anderen Worten, eine vollkommene Erneuerung und dauernde Erfüllung der Versprechen, die wir beim Taufgelübde gegeben haben.

Die vollkommene Andacht zu Maria besteht also in der vollständigen Hingabe an die allerseligste Jungfrau, um durch sie ganz Christus anzugehören. Um Maria ganz geweiht zu sein, müssen wir ihr schenken: 1. unsern Leib mit allen seinen Sinnen und Gliedern; 2. unsere Seele mit allen ihren Fähigkeiten; 3. unser Hab und Gut, das gegenwärtige und das zukünftige; 4. unsere inneren und geistlichen Güter, nämlich unsere Verdienste, unsere Tugenden und unsere guten Werke in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Kurz zusammengefasst, können wir sagen: Alles, was wir in der Ordnung der Natur und der Gnade besitzen und besitzen werden, schenken wir Maria. Dazu kommt noch, dass wir ihr zu Liebe das alles tun, ohne auch nur einen Pfennig oder das geringste gute Werk für uns zurückzubehalten, und zwar für die ganze Ewigkeit und ohne einen andern Lohn für unser Opfer und unsere Dienste zu beanspruchen und zu erwarten, als lediglich die Ehre, in Maria und durch Maria Jesus Christus anzugehören, selbst dann, wenn diese liebenswürdige Herrin nicht, wie sie es ja beständig ist, das freigebigste und dankbarste aller Geschöpfe wäre.

Hierbei ist zu beachten, dass unsere guten Werke, die wir verrichten, sowohl einen genugtuenden oder einen erlangenden, wie einen verdienstlichen Wert haben. Der genugtuende oder erlangende Wert besteht darin, dass die gute Handlung für unsere Sündenstrafen Genugtuung leistet oder uns irgendeine neue Gnade erlangt; der verdienstliche Wert aber besteht in der Vermehrung der heiligmachenden Gnade und der ewigen Glorie. Bei der vollkommenen Hingabe an die allerseligste Jungfrau schenken wir ihr den ganzen genugtuenden, erlangenden und verdienstlichen Wert, mit anderen Worten die Genugtuung und das Verdienst all unserer guten Werke. Unsere Verdienste, unsere Gnaden und Tugenden vertrauen wir ihr an, nicht um sie anderen mitzuteilen, - sie sind ja unveräußerlich; nur Jesus Christus konnte uns auch seine Verdienste schenken, da er sich für uns seinem Vater als Lösepreis hingab, - sondern, wie wir später sehen werden, um sie für uns zu bewahren, zu vermehren und zu veredeln. Unsere Genugtuungen schenken wir ihr aber, damit sie diese mitteile, wem sie will oder darüber verfüge, wie es Gott am meisten Ehre bereitet. Daraus folgt, dass wir durch diese Andacht dem Heiland durch die Hände Mariä und damit auf die vollkommenste Weise alles schenken, was wir ihm überhaupt schenken können, und zwar viel wirksamer als durch alle anderen Andachten, bei denen wir ihm nur einen Teil unserer Zeit, unserer guten Werke, Genugtuungen und Bußwerke überlassen. Hier schenken wir ihm alles, selbst das Recht, über unsere inneren Güter und über die Genugtuungswerke zu verfügen, die wir täglich durch unsere guten Werke gewinnen, was nicht einmal in einem religiösen Orden verlangt wird. In den Orden opfert man Gott zwar seine Glücksgüter durch das Gelübde der Armut, verzichtet auf die Befriedigung des Leibes durch das Gelübde der Keuschheit, auf seinen freien Willen durch das Gelübde des Gehorsams und zuweilen auch auf die leibliche Freiheit durch das Gelübde der Klausur. Aber man schenkt Gott nicht das freie Verfügungsrecht über den Wert seiner guten Werke und verzichtet nicht auf das Kostbarste und Teuerste, was der Christ besitzt, nämlich auf seine Verdienste und den Genugtuungswert seiner guten Werke.

Weiterhin ergibt sich daraus, dass eine Person, die sich durch die Hände Mariä in dieser Weise Jesus geweiht und aufgeopfert hat, nicht mehr über den Wert eines ihrer guten Werke verfügen kann. Alles, was sie leidet, alles, was sie Gutes denkt, redet und tut, gehört Maria, damit sie darüber nach dem Willen ihres Sohnes und zu dessen größerer Ehre verfüge. Selbstredend sollen durch diese Abhängigkeit die Verpflichtungen des Standes, in welchem man sich befindet oder einmal befinden wird, keineswegs beeinträchtigt werden, wie z.B. die Verpflichtungen eines Priesters, der von Amtswegen oder aus einem anderen Grunde, den genugtuenden und erlangenden Wert der heiligen Messe einer bestimmten Person zuwenden muss. Diese Hingabe soll uns ja vollkommener machen und kann daher nie mit der Ordnung Gottes und den Pflichten unseres Standes in Widerspruch geraten.

Schließlich folgt daraus, dass man sich bei dieser vollkommenen Andacht gleichzeitig der allerseligsten Jungfrau und dem Heiland hingibt: der allerseligsten Jungfrau als der vollkommenen Mittlerin, die Jesus Christus gewählt hat, um sich mit uns und uns mit sich zu vereinigen; und dem Heilande als unserem letzten Ziele, unserem Erlöser und Gott, dem wir alles schulden, was wir sind.

2. Artikel - Die Hingabe bei der wahren Andacht zu Maria beruht auf einer vollkommenen Erneuerung des Taufgelübdes

Ich habe bereits gesagt, dass diese Andacht mit Recht eine vollkommene Erneuerung des Taufgelübdes genannt werden könne. Jeder Christ war vor seiner Taufe ein Sklave Satans, der ihn völlig beherrschte. Bei der Taufe hat er aber entweder persönlich oder durch seinen Paten feierlich dem Satan, seiner Hoffart und seinen Werken entsagt und Christus zu seinem Meister und unumschränkten Herrn erwählt, um ihm als getreuer Knecht in Liebe zu dienen. Dasselbe geschieht auch bei der vollkommenen Andacht zu Maria: man entsagt, (wie es in der Weiheformel heißt), dem Satan, der Welt, der Sünde und sich selbst, und gibt sich durch die Hände Mariä ganz und gar Jesus Christus hin. Ja, hier tut man sogar noch etwas mehr als bei der Taufe. Denn bei dieser spricht man gewöhnlich durch den Mund der Paten und schenkt sich dem Heiland durch den Mund der Paten und schenkt sich dem Heiland durch die Erklärung eines Stellvertreters. Bei der wahren Andacht gibt man aber diese Erklärung persönlich ab, mit freiem Willen und klarer Erkenntnis des Grundes. Bei der heiligen Taufe schenkt man sich Jesus Christus auch nicht durch die Hände Mariä, wenigstens nicht ausdrücklich; man schenkt ferner nicht den Wert seiner guten Werke, sondern behält sich das Verfügungsrecht über die Genugtuungswerke vor, so dass man sie für sich behalten oder sie zuwenden kann, wem man will. Bei dieser Andacht aber weiht man sich Jesus Christus ausdrücklich durch die Hände Mariä und übergibt ihm den vollen Wert aller seiner guten Werke.

Bei der Taufe macht man, wie der hl. Thomas sagt, das Gelübde, dem Teufel und seiner Hoffart zu entsagen: In baptismo vovent homines abrenuntiare diabolo et pompis eius. Dieses Gelübde, sagt der hl. Augustinus, ist das größte und unauflöslichste: Votum maximum nostrum, quo vovimus nos in Christo esse mansuros (Ep. 49 ad Paulin.). In gleicher Weise drücken sich auch die Kanonisten aus. Praecipuum votum est quod in baptismate facimus. Indessen wer beobachtet dieses so wichtige Gelübde? Wer hält mit Treue die Versprechungen seiner Taufe? Brechen nicht fast alle Christen die Treue, welche sie Jesus Christus bei ihrer Taufe versprochen haben? Woher kommt diese allgemeine Unordnung anders als von der Vergesslichkeit, in der man über die Versprechungen und Verpflichtungen der heiligen Taufe hinwegsieht und auch daher, dass fast niemand den Vertrag, den er durch seinen Paten mit Gott geschlossen hat, persönlich immer wieder bestätigt und erneuert? Das ist so wahr, dass das Konzil von Sens, welches auf Geheiß Ludwigs des Frommen berufen wurde, um den damaligen Missständen unter den Christen abzuhelfen, erklärte, die Hauptursache der allgemeinen Sittenverderbnis liege in der Vergesslichkeit und in der Unkenntnis der Verpflichtungen, die man bei der heiligen Taufe übernommen habe. Es fand daher kein besseres Heilmittel dieser großen Übelstände, als die Christen anzuleiten, die Gelübde und Versprechungen der heiligen Taufe oft zu erneuern.

Der Katechismus des Konzils von Trient, der getreue Ausleger dieses heiligen Konzils, ermahnt die Pfarrer, das gläubige Volk dazu anzuleiten, sich immer wieder daran zu erinnern, dass es Jesus Christus, seinem Erlöser und Herrn, untertänig und in Liebe geweiht sein solle. Parochus fidelem populum ad eam rationem cohortabitur, ut sciat aequissimum esse, nos ipsos non secus ac manicipia Redemptori nostro et Domino in perpetuum addicere et consecrare (Cat Conc. Trid. part. I, art. 2, § 12).

Wenn nun die Konzilien, die Väter und die eigene Erfahrung uns beweisen, dass das beste Heilmittel gegen die Unordnungen im Leben der Christen darin besteht, ihnen immer wieder die Verpflichtungen des Taufgelübdes in Erinnerung zu bringen und sie zur Erneuerung desselben anzuhalten, ist es dann nicht vernünftig, dies jetzt auf eine vollkommene Weise zu tun, wie es durch die Andacht und Weihe an unseren Herrn durch seine heilige Mutter geschieht? Ich sage „auf eine vollkommene Weise", weil man sich bei dieser Weihe an Jesus Christus des vollkommensten Mittels, der allerseligsten Jungfrau, bedient.

3. Artikel - Einwürfe und Widerlegungen

Man kann nicht einwenden, die Andacht sei neu oder nebensächlich. Sie ist nicht neu; denn die Konzilien, die Väter und andere angesehene Gottesgelehrte aus älterer und neuerer Zeit sprechen von dieser Weihe an unseren Erlöser und von der Erneuerung der hl. Taufgelübde als von einer Sache, die schon lange in Übung und allen Christen eindringlich zu empfehlen ist. Sie ist auch nicht nebensächlich oder geringfügig, da der Hauptgrund sittenloser Zustände unter den Christen und damit auch die Ursache ihrer Verdammung von der Missachtung und Geringschätzung dieser Andacht herrührt.

Man könnte ferner einwenden, da wir bei dieser Andacht durch die Hände der allerseligsten Jungfrau dem Heiland den Wert aller unserer guten Werke, unserer Gebete, Abtötungen und Almosen vollständig übergeben, mache sie es uns unmöglich, den Seelen unserer verstorbenen Eltern, Freunde und Wohltäter zu helfen.

Darauf antworte ich aber, dass es zunächst kaum glaublich ist, dass unsere Eltern, Freunde und Wohltäter deswegen Schaden leiden sollten, weil wir uns ohne Rückhalt dem Dienste unseres Herrn und seiner heiligen Mutter geweiht und geopfert haben. Das hieße doch, der Macht und Güte Jesu und Mariä Unrecht tun. Denn sie werden doch unseren Eltern, Freunden und Wohltätern am besten zu helfen wissen entweder durch unsere geringen seelischen Verdienste oder auf anderem Wege, was wir ihrer Barmherzigkeit vollkommen überlassen. Diese Andacht hindert uns weiterhin aber auch keineswegs, für andere, Lebende oder Verstorbene, zu beten, obwohl die Zuwendung unserer guten Werke von dem Willen der allerseligsten Jungfrau abhängt. Gerade diese Erwägung wird uns antreiben, mit desto größerem Vertrauen zu beten. Würde ein Reicher, der sein ganzes Vermögen einem Fürsten geschenkt hätte, diesen nicht mit umso größerer Zuversicht um ein Almosen angehen für einen seiner Freunde, der ihn darum gebeten hätte? Er würde sogar dem Fürsten eine besondere Freude damit bereiten, indem er ihm so Gelegenheit böte, seine Dankbarkeit gegen eine Person zu bekunden, die sich freiwillig beraubt hat, um ihn zu bereichern, und sich arm gemacht hat, um ihn zu ehren. Genau dasselbe gilt doch sicherlich in noch höherem Maße von unserem Herrn und der allerseligsten Jungfrau: sie werden sich niemals an Dankbarkeit übertreffen lassen.

Vielleicht könnte jemand sagen: Wenn ich den ganzen Wert meiner guten Werke der allerseligsten Jungfrau schenke, damit sie ihn einem beliebigen zuwende, so werde ich selbst vielleicht noch lange Zeit im Fegfeuer leiden müssen. Dieser Einwand, der aus Eigenliebe und aus Unkenntnis der Freigebigkeit Gottes und seiner heiligen Mutter entspringt, widerlegt sich selbst. Eine feurige und hochherzige Seele, die die Interessen Gottes höher schätzt als die ihrigen, die Gott ohne Rückhalt alles gibt, was sie besitzt, so dass sie in ihrer Großmut nicht weiter gehen kann, die nur nach der Ankunft des Reiches Jesu Christi durch seine heilige Mutter verlangt und sich ganz opfert, um dessen Ankunft zu beschleunigen, eine so hochherzige und freigebige Seele sollte in der anderen Welt mehr gestraft werden, weil sie freigebiger und selbstloser war als andere? Werden nicht gerade einer solchen Seele gegenüber unser Herr und seine heilige Mutter erst recht freigebig sein sowohl in dieser wie auch in der anderen Welt? -

Wir müssen jetzt noch in aller Kürze die Beweggründe ins Auge fassen, welche uns diese Andacht als besonders empfehlenswert erscheinen lassen, dann die wunderbaren Wirkungen, die sie in den gläubigen Seelen hervorbringt und die Übungen, die wir bei dieser Andacht vorzunehmen haben.