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Abhandlung von der Wahren Andacht zur allerseligsten Jungfrau Maria - ERSTER TEIL - Von der Andacht zur allerseligsten Jungfrau im allgemeinen

Spis treści

 

Zweites Kapitel - Nähere Bestimmung der wahren Andacht zu

Maria

1. Artikel - Grundwahrheiten

Nachdem wir bisher die Notwendigkeit der Andacht zur allerseligsten Jungfrau erkannt haben, obliegt es uns jetzt, mit Gottes Hilfe das Wesen dieser Andacht darzulegen. Zunächst muss ich da einige Grundwahrheiten vorausschicken, welche diese große und gnadenreiche Andacht ins rechte Licht stellen.

1. Erste Wahrheit: Jesus Christus ist unser letztes Ziel

Jesus Christus, unser Erlöser, wahrer Gott und wahrer Mensch, muss das letzte Ziel all unserer Andachtsübungen sein; sonst wären sie falsch und irreführend. Denn Jesus Christus ist das Alpha und Omega, der Anfang und das Ende aller Dinge. Wir arbeiten nur daraufhin, wie der Apostel sagt, jeden Menschen in Jesus Christus vollkommen zu machen, weil in ihm allein die ganze Fülle der Gottheit, die Fülle aller Gnaden, Tugenden und Vollkommenheiten wohnt. Nur durch ihn, mit ihm und in ihm werden wir mit allen geistigen Segnungen beglückt. Er allein soll unser Lehrer sein, der uns unterrichtet, unser Herr, von dem wir abhängen, unser Haupt, dem wir angehören, unser Vorbild, nach dem wir uns gestalten, unser Arzt, der uns heilt, unser Hirte, der uns nährt, unser Weg, der uns führt, unsere Wahrheit, die wir glauben, unser Leben, das uns belebt, unser ein und alles, das uns genügt. Ja, es ist kein anderer Name unter dem Himmel gegeben, durch den wir gerettet werden können, als der Name Jesus. Gott hat keine andere Grundlage unseres Heiles, unserer Vollkommenheit und unserer Glorie gelebt als Jesus Christus. Jedes Gebäude, das nicht auf diesen festen Felsen gebaut ist, ist auf beweglichen Sand gegründet und wird über kurz oder lang unfehlbar zusammenstürzen. Jeder Gläubige, der nicht mit ihm verwachsen ist wie ein Rebzweig mit dem Weinstock, wird abfallen, verdorren und nur mehr dazu tauglich sein, ins Feuer geworfen zu werden. Außer ihm ist alles Eitelkeit, Verirrung, Lüge, Ungerechtigkeit, Tod und Verdammnis. Sind wir aber in Christus und ist Christus in uns, dann werden wir keine Verdammnis zu fürchten haben. Weder die Engel des Himmels, noch die Menschen auf der Erde, noch die Teufel in der Hölle, noch irgendwelche andere Geschöpfe können uns schaden, da sie uns von der Liebe Christi nicht trennen können. Durch Christus, mit Christus und in Christus sind wir imstande, alle Ehre und Verherrlichung dem Vater in Einigkeit des Hl. Geistes zu erweisen, uns selbst vollkommen zu machen und für unsere Mitmenschen ein Wohlgeruch des ewigen Lebens zu sein.

Wenn wir nun hier die wahre Andacht zu Maria darlegen, so geschieht es nur, um die Andacht zu Jesus Christus umso vollkommener zu gestalten, um ein leichtes und sicheres Mittel an die Hand zu geben, Jesus zu finden. Wenn die Andacht zur allerseligsten Jungfrau uns Jesus Christus entfremden würde, so müssten wir sie als eine Eingebung Satans verwerfen. Das ist aber so wenig der Fall, dass, wie ich bereits gezeigt habe und im folgenden noch zeigen werde, diese Andacht im Gegenteil uns nur deshalb notwendig ist, um Jesus Christus vollkommen zu finden, ihn zärtlich zu lieben und ihm treu zu dienen.

Ich wende mich hier einen Augenblick an Dich, o süßer Jesus, um mich von Deiner Majestät zärtlich zu beklagen, dass die meisten Christen, selbst die weisesten, die Verbindung nicht erkennen, welche zwischen Dir und Deiner heiligen Mutter besteht und bestehen muss: Du, o Herr, bist immer mit Maria und Maria ist immer mit Dir und kann nicht ohne Dich sein, sonst würde sie aufhören, das zu sein, was sie ist. Durch die Gnade ist sie dergestalt in Dich umgewandelt, dass nicht sie mehr lebt und nicht sie mehr ist. Du allein, o Jesus, bist es, der in ihr lebt und in ihr seine Herrschaft ausübt, vollkommener als in allen Engeln und Heiligen. O, wenn man die Ehre und die Liebe kennen würde, die du in diesem wunderbaren Geschöpfe empfängst, man brächte Dir und ihr ein ganz anderes Verständnis und eine viel tiefere Verehrung entgegen, als man es jetzt tut. Maria ist mit Dir so innig verbunden, dass man eher das Licht von der Sonne und die Wärme vom Feuer trennen könnte; ja noch mehr, eher könnte man alle Engel und Heiligen von Dir trennen, als Deine hehre Mutter. Weil sie Dich inniger liebt, verherrlicht sie Dich auch vollkommener als alle Deine anderen Geschöpfe zusammen.

Ist es darum nicht höchst staunens- und bedauernswert, mein liebenswürdiger Meister, die Unwissenheit und Blindheit sehen zu müssen, mit der die Menschen auf Erden Deiner heiligen Mutter gegenüber stehen? Ich rede hier nicht von den Götzendienern und Heiden, die keine Kenntnis von Dir haben und sich daher auch nicht darum kümmern, Maria kennen zu lernen. Ich rede auch nicht von den Häretiker und Schismatikern, die von der Andacht zu Deiner heiligsten Mutter nichts verstehen, weil sie von Dir wie von deiner heiligen Kirche getrennt sind. Ich denke hier nur an die katholischen Christen und vor allem an die Gelehrten, die zwar dazu berufen sind, andere in den Wahrheiten zu unterrichten, doch weder Dich noch Deine heilige Mutter wahrhaft kennen, und daher nur auf eine spekulative, trockene, unfruchtbare und gleichgültige Weise von Euch reden. Nur selten sprechen diese Herren von Deiner heiligen Mutter und von der Andacht, die man zu ihr haben soll. Denn sie befürchten, wie sie sich ausdrücken, man möchte damit Missbrauch treiben oder Dir dadurch eine Unbill zufügen, dass man Deiner heiligsten Mutter zuviel Ehre erweise. Wenn sie sehen oder hören, dass ein Verehrer Mariä oft von der zarten Andacht zu dieser guten Mutter in kräftiger und überzeugungsvoller Weise spricht, und diese Andacht als ein sicheres, untrügliches Mittel oder als einen kurzen, gefahrlosen Weg oder als einen vollkommenen und wunderbar geheimnisvollen Pfad bezeichnet, um Dich finden und von Herzen lieben zu können, so schreien sie gegen ihn und führen tausend falsche Gründe an, um zu beweisen, dass es nicht notwendig sei, so oft von Maria zu sprechen, dass es bei dieser Andacht große Missbräuche gebe, und dass man sich eher bemühen sollte, diese in Rücksicht auf die Andersgläubigen zu unterdrücken. Viel nachhaltiger sollte man lieber von Dir spreche, als das Volk zur Andacht zu Deiner hl. Mutter zu bewegen, die ja ohnehin schon genug geliebt werde.

Bisweilen hört man ja auch diese Herren über die Verehrung Mariä sprechen, jedoch nicht so sehr, um sie zu fördern oder zu empfehlen, als um die Missbräuche zu beseitigen, die angeblich damit getrieben werden. Sie betrachten den Psalter, das Skapulier, den kleinen Rosenkranz als Andachtsübungen, die nur für alberne Weiber oder für unwissende Leute passen und durchaus nicht notwendig sind, um selig zu werden. Wenn sie einen Verehrer der allerseligsten Jungfrau antreffen, der seinen kleinen Rosenkranz betet oder eine andere Andacht zu ihr pflegt, so suchen sie ihm eine andere Gesinnung beizubringen und raten ihm anstelle des Rosenkranzes besser die sieben Bußpsalmen zu beten, oder irgend ein anderes Gebet an Jesus Christus zu richten. In Wirklichkeit ist dabei ihre Frömmigkeit und Hingabe Dir gegenüber keineswegs inniger und zarter, eben weil ihnen die wahre Liebe zu Deiner Mutter und damit auch ihre Mithilfe mangelt.

O mein liebenswürdigster Jesus, haben diese Menschen deinen Geist? Kann ihre Handlungsweise Dir wohlgefallen? Heißt es Dir Liebe erweisen, wenn man die Liebe zu Deiner Mutter unterdrückt aus Furcht, Dir zu missfallen? Ist etwa die Andacht zu Deiner heiligen Mutter ein Hindernis für die Andacht zu Dir? Oder nimmt Maria etwa die Ehre, die man ihr erweist, für sich in Anspruch? Ist sie eine Fremde, die in keiner Verbindung zu Dir steht? Heißt es, sich von Deiner Liebe trennen oder entfernen, wenn man sich ihr schenkt und sie liebt? Wahrlich, mein liebenswürdigster Meister, es kann für die meisten dieser Gelehrten keine größere Strafe für ihren Stolz geben, als dass sie so weit von der Wahren Andacht zu Deiner Mutter entfernt sind und eine so große Gleichgültigkeit gegen sie an den Tag legen! Bewahre mich, o Herr, bewahre mich vor ihrem Irrtum und ihrem Verhalten, gib mir vielmehr einigen Anteil an der Gesinnung des Dankes, der Hochachtung und Liebe, die Du zu Deiner heiligen Mutter hegst, weil ich Dich um so mehr liebe und verherrliche, je mehr ich Dein Beispiel befolge.

Schenke mir doch, als ob ich bis jetzt noch nichts zu Ehren Deiner heiligen Mutter gesagt hätte, die Gnade, sie würdig zu loben, und zwar trotz aller ihrer Feinde, die auch Deine Feinde sind. Lass mich ihnen mit den Heiligen laut zurufen: „Niemand vermesse sich, Gottes Barmherzigkeit für sich in Anspruch zu nehmen, der seine heilige Mutter beleidigt!" Um von Deiner Barmherzigkeit eine wahre Andacht zu Deiner heiligen Mutter zu erlangen und sie der ganzen Welt mitzuteilen, verleihe mir eine heiße Liebe zu Dir und nimm zu diesem Zweck die innige Bitte entgegen, die ich mit dem hl. Augustinus und Deinen wahren Freunden an Dich richte:

Gebet des Hl. Augustinus zu Jesus

„Du bist Christus, mein heiliger Vater, mein barmherziger Gott, mein großer König, mein guter Hirt, mein einziger Lehrer, mein bester Helfer, mein schönster Geliebter, mein lebendiges Brot, mein Priester in Ewigkeit, mein Führer zum Vaterland, mein wahres Licht, meine heilige Süßigkeit, mein gerader Weg, meine hellerleuchtete Weisheit, meine reine Einfalt, meine friedensvolle Eintracht, mein ganzer Schutz, mein kostbares Erbe, mein ewiges Heil! O Jesus Christus, liebenswürdiger Herr, warum habe ich in meinem ganzen Leben etwas anderes geliebt, etwas anderes verlangt, als Dich, Jesus, meinen Gott? Wo war ich, da ich an Dich nicht dachte? Von jetzt an erwärmet und ergießet euch, alle meine Wünsche, für Jesus, meinen Herrn; laufet schnell, genug habt ihr bis jetzt verzögert; eilet eurem Ziele zu, suchet, wonach ihr verlangt! O Jesus, verworfen sei, wer Dich nicht liebt! Wer Dich nicht liebt, werde mit Bitterkeit gesättigt! O süßer Jesus, Dich liebe, in Dir erfreue sich, Dich bewundere jedes Menschenherz, das sich nach Deinem Lobe sehnt! Jesus Christus, Gott meines Herzens und mein Anteil, mein Herz verliere all sein Leben, lebe Du in mir! Es erglühe in meiner Seele die glimmende Kohle Deiner Liebe und entbrenne zu hell aufloderndem Feuer; sie brenne immerdar auf dem Altare meines Herzens, sie glühe im Innersten meines Wesens, sie flamme bis in den tiefsten Grund meiner Seele! Möchte ich am Tage meiner Vollendung vollkommen erfunden werden in Dir. Amen."

Tu es Christus, pater meus sanctus, Deus meus pius, rex meus magnus, pastor meus optimus, dilectus magister meus unus, adjutor meus vivus, sacerdos meus pulcherrimus, panis meus vivus, sacerdos meus in aeternum, dux meus ad patriam, lux mea vera, dulcedo mea sancta, via mea recta, sapientia mea praeclara, simplicitas mea pura, concordia mea pacifica, custodia mea tota, portio mea bona, salus mea sempiterna. Christe Jesu, amabilis Domini, cur amavi, quare concupivi omni vita mea quidquam praeter te Jesum Deum meum? Ubi eram, quando tecum mente non eram?Jam ex hoc nunc omnia desideria mea incalescite et effluite in Dominum Jesum; currite, satis hactenus tardastis; properate, quo pergitis, quaerite, quem quaeritis. Jesu, qui non amat te, anathema sit; qui te non amat, amaritudinibus repleatur... O dulcisJesu, te amet, in te delectetur, te admiretur omnis sensus bonus tuae conveniens laudi Deus cordis mei et pars mea, Christe Jesu, deficiat cor meum spiritu suo, et vivas tu in me, et concalescat spiritu meo vivus carbo amoris tui, et excrescat in ignem perfectum, ardeat iugiter in ara cordis mei, ferveat in medullis meis, flagret in absconditis animae meae; in die consummationis meae consummatus inveniar apud te. Amen.

Dieses wunderbare Gebet des hl. Augustinus habe ich hier in lateinischer Sprache anführen wollen, damit alle, welche die lateinische Sprache verstehen, es täglich verrichten, um sich eine große Liebe zu Jesus zu erflehen, die wir durch Maria zu erlangen hoffen.

2. Zweite Wahrheit: Wir gehören Jesus Christus und Maria an

Jesus Christus ist unser Gott, der uns erschaffen, er ist auch unser Erlöser, der uns mit seinem teuren Blute aus der Knechtschaft zurückgekauft hat. Aus diesem zweifachen Grunde gehören wir ihm ganz an. Wir sind auch die Glieder seines mystischen Leibes, die von ihm, dem Haupte, regiert werden, indem sie in allem sich von ihm leiten lassen und seinen Willen erfüllen sollen.

Vor der Taufe gehörten wir dem Teufel an und waren seine Sklaven; die Taufe hat uns zu Leibeigenen Jesu Christi gemacht. Als solche dürfen wir nur leben, arbeiten und sterben, um für den Gottmenschen Frucht zu bringen, ihn in unserem Leibe zu verherrlichen und ihn in unserer Seele herrschen zu lassen, weil er uns zurückerobert und erlöst hat und wir daher sein Volk und sein Erbe sind. Aus demselben Grund vergleicht uns der Heilige Geist mit Bäumen, die im Acker der Kirche an Wasserbächen der Gnade gepflanzt sind und Früchte bringen sollen zu ihrer Zeit; oder mit den Reben eines Weinstockes, dessen Stamm Jesus Christus ist, und der ihnen Kraft gibt, gute Trauben hervorzubringen; oder mit einer Herde, die sich vermehren und ihrem Hirten Jesus Christus reichlich Milch spenden soll; oder mit gutem Erdreich, das von Gott bebaut wird, in welchem der Same sich mehrt und dreißig-, sechzig-, ja hundertfältige Frucht bringt. Christus hat den unfruchtbaren Feigenbaum verflucht und das Verdammungsurteil über den unnützen Knecht ausgesprochen, der sein Talent nicht verwertete. All das beweist uns, dass Christus von uns elenden Menschen gute Früchte erwartet, nämlich unsere guten Werke, die ihm allein gehören: „Geschaffen in guten Werken in Jesus Christus." (Eph 2,10). Diese Worte des Apostels zeigen auch, dass Christus der einzige Grund all unserer guten Werke ist und ebenso ihr einziges Ziel sein muss. Wir müssen ihm daher dienen, nicht etwa nur als Lohndiener, sondern als wahre Liebessklaven. Man nehme keinen Anstoß an diesem anfänglich vielleicht etwas befremdenden Ausdruck, dessen Inhalt ich sogleich erklären will.

Hier auf Erden gibt es zwei Arten, einem anderen anzugehören und seiner Autorität unterworfen zu sein; das einfache Dienstverhältnis und die Knechtschaft; darum reden wir von Dienern und von Knechten oder noch klarer von Sklaven.

Durch das einfache Dienstverhältnis, wie es unter Christen besteht, verpflichtet sich ein Mensch, einem anderen während einer bestimmten Zeit und für einen ausbedungenen Lohn oder eine vereinbarte Entschädigung zu dienen.

Als Knecht im Sinne von Sklave ist ein Mensch von einem anderen für sein ganzes Leben vollständig abhängig und muss seinem Herrn dienen, ohne irgendwelchen Anspruch auf Lohn oder Entschädigung zu erheben. Zudem hat der Herr über ihn, wie bei seinen Haustieren, das Recht über Leben und Tod.

Es gibt nun wiederum drei Arten dieser Knechtschaft: eine Knechtschaft von Natur, eine Knechtschaft aus Zwang und eine Knechtschaft aus freiem Willen. Alle Geschöpfe sind Sklaven Gottes nach der ersten Art; „des Herrn ist der Erdkreis und alles, was ihn erfüllt" (Ps 23,1); die Teufel und die Verdammten sind es nach der zweiten, die Gerechten und Heiligen nach der dritten Art. Die Knechtschaft aus freiem Willen oder aus Liebe ist die edelste für das Geschöpf und die glorreichste für Gott, der auf das Herz sieht und das Herz verlangt und sich den Gott des

Herzens und des lieberfüllten Willens nennt, weil man in dieser Knechtschaft freiwillig Gott und seinen Dienst allen anderen Dinge vorzieht, selbst, wenn man von Natur dazu nicht verpflichtet wäre.

Zwischen einem Diener und einem Sklaven besteht ein großer Unterschied.

  1. Ein Diener gibt weder seine ganze Person, noch alles was er besitzt und durch andere oder aus eigener Kraft erwerben kann, seinem Herrn; der Sklave aber gehört mit allem, was er besitzt und allem, was er erwerben kann, vollständig seinem Herrn.
  2. Der Diener verlangt für die Dienste, die er seinem Herrn erweist, einen Lohn; der Sklave hingegen kann nichts beanspruchen, mag er auch noch so viel Ausdauer, Eifer und Kraft auf seine Arbeit verwenden.
  3. Der Diener kann seinen Herrn verlassen, wann es ihm beliebt, oder doch wenigstens, wann seine Dienstzeit abgelaufen ist; der Sklave jedoch muss bei seinem Herrn bleiben, so lange es diesem gefällt.
  4. Der Herr des Dieners hat über diesen kein Recht auf Leben oder Tod; wenn er ihm, wie einem seiner Tiere, das Leben nähme, würde er sich des Mordes schuldig machen; der Herr des Sklaven aber konnte nach den Gesetzen auch über dessen Leben und Tod bestimmen, konnte ihn verkaufen, an wen er wollte, oder ihn gar wie eines seiner Tiere töten lassen.
  5. Endlich steht der Diener nur für eine bestimmte Zeit im Dienste des Herrn, der Sklave hingegen beständig.

Es gibt kein Verhältnis unter den Menschen, das uns einem anderen mehr überantworten könnte als die Knechtschaft. Daher kann auch kein Mensch zu Jesus Christus und seiner heiligen Mutter in innigere Beziehung treten als durch die Knechtschaft aus freiem Willen. Er befolgt damit das Beispiel Jesu Christi selbst, der aus Liebe zu uns „Knechtsgestalt angenommen hat" (Phil 2,7), und das Beispiel der seligsten Jungfrau, die sich als Magd und Sklavin des Herrn bekannte. Der Apostel rühmt sich, ein „Knecht Christi" zu sein (Gal 1,10) und zwar im Sinne von „Sklave". Die Christen werden in der heiligen Schrift öfters servi Christi, „Sklaven Christi", genannt. Das Wort servus bedeutete im Altertum nichts anderes als „Sklave", weil es damals noch keine Diener in unserem Sinne gab. Zu jener Zeit wurden die Herren nur von Sklaven oder von Freigelassenen bedient. Auch der Katechismus des heiligen Kirchenrates von Trient wählt, um keinen Zweifel darüber zu lassen, dass wir Sklaven Jesu Christi sind, das unzweideutige Wort manicipia Christi.

Nach diesen Vorbemerkungen erkläre ich: Wir gehören Jesus Christus an und müssen ihm dienen, aber nicht nur als Lohndiener, sondern als Sklaven aus Liebe die sich ihm freiwillig und freudig schenken und sich verpflichten, ihm in der Eigenschaft von Sklaven zu dienen, nur um der Ehre willen, ihm anzugehören. Vor der Taufe waren wir Sklaven des Teufels; die Taufe hat uns zu Sklaven Jesu Christi gemacht. Die Christen sind also notwendigerweise entweder Sklaven des Teufels oder Sklaven Jesu Christi.

Was ich von Jesus Christus unbedingt sage, das sage ich von Maria mit Einschränkung. Jesus Christus, der Maria zur unzertrennlichen Gefährtin seines Lebens, seines Todes, seiner Herrlichkeit und seiner Macht im Himmel und auf Erden auserwählt hat, hat ihr bezüglich seiner Oberhoheit über die Geschöpfe alle Rechte und Privilegien aus Gnade mitgeteilt, die er von Natur besitzt: „Alles, was Gott (an Hoheitsrechten über die Geschöpfe) von Natur zukommt, gebührt Maria aus Gnade", sagen die Heiligen. Da demnach beide dem Menschengeschlecht gegenüber dieselbe Gesinnung und die gleiche Macht besitzen, so sollen alle wahren Christen beiden in gleicher Weise Diener und Sklaven sein.

Nach Ansicht der Heiligen und mehrerer Geistesmänner darf man sich also aus Liebe recht wohl zum Sklaven der allerseligsten Jungfrau machen, um dadurch in vollkommenster Weise Sklave Jesu Christi zu werden. Die allerseligste Jungfrau ist das Mittel, dessen sich unser Herr bediente, um zu uns zu kommen; darum ist sie auch das Mittel, dessen wir uns bedienen sollen, um zu ihm zu gelangen. Sie ist nicht mit den übrigen Geschöpfen zu vergleichen, die, wenn wir uns an sie hängen, uns eher von Gott entfernen, als ihm näher bringen. Das größte Verlangen Mariä besteht vielmehr gerade darin, uns mit Jesus Christus, ihrem Sohn, zu vereinigen; und das größte Verlangen des Sohnes ist es, dass wir uns durch seine heilige Mutter zu ihm führen lassen. Keineswegs wird dadurch seine Ehre geschmälert, gleichwie auch ein Untertan seinen König nicht in der ihm schuldigen Ehre und Unterwerfung beeinträchtigt, wenn er sich zum Sklaven der Königin macht, um ihm umso vollkommener zu dienen. Darum sagen die heiligen Väter und nach ihnen der hl. Bonaventura, die allerseligste Jungfrau sei der Weg, um zu unserem Herrn zu gelangen: via veniendi ad Christum est appropinquare ad illam. (In spicil.-min.).

Wir gehören Maria weiterhin auch deswegen an, weil, wie ich schon sagte, die allerseligste Jungfrau die Königin und Herrscherin Himmels und der Erde ist: Imperio Dei omnia subiiciuntur et Virgo; ecce imperio Virginis omnia subiiciuntur et Deus, „der Herrschaft Gottes ist alles unterworfen, auch die allerseligste Jungfrau; siehe, der Herrschaft der Jungfrau ist alles unterworfen, selbst Gott unterwarf sich ihr"; so sagen die hl. Anselm, Bernhard, Bernardin und Bonaventura. Hat Maria dann nicht ebenso viele Untertanen und Sklaven, als es Geschöpfe gibt? Ist es aber nicht in der Ordnung, dass unter so vielen, die unfreiwillig ihre Untertanen sind, sich auch solche befinden, die Maria aus Liebe, freiwillig zu ihrer Herrin wählen? Menschen und Teufel sollten freiwillige Sklaven haben und Maria nicht? Ein König rechnete es sich einst zur Ehre, wenn die Königin, seine Gattin, viele Sklaven hatte, über deren Leben und Tod sie bestimmen konnte, weil ihr Ansehen und ihre Macht auch sein Ansehen und seine Macht war. Und Jesus, der Herr, der als bester aller Söhne seiner heiligen Mutter an all seiner Macht Anteil gab, soll es übel empfinden, dass auch sie Sklaven hat? Bringt Christus seiner Mutter etwa weniger Achtung und Liebe entgegen als Assuerus der Esther und Salomon der Bethsabee? Wer wagte das zu behaupten oder auch nur zu denken?

Aber wohin führt mich meine Feder? Warum verweile ich so lange bei der Begründung einer so selbstverständlichen Sache? Wenn man sich nicht Sklave der allerseligsten Jungfrau nennen mag, was verschlägt es? Man sei und nenne sich Sklave Jesu Christi, dann ist man damit ohne Weiteres dasselbe auch für Maria, da Jesus Christus die Frucht und der Ruhm Mariä ist. Ein Sklave Mariä aber wird man in vollkommenster Weise durch die Andacht, von der wir später sprechen werden.

3. Dritte Wahrheit: Wir müssen ablegen, was wir Schlechtes in uns haben

Selbst unsere besten Werke sind gewöhnlich durch den mangelhaften Seelenzustand, in dem wir uns befinden, befleckt und verdorben. Wenn man reines, klares Wasser in ein übel riechendes Gefäß oder Wein in ein Fass gießt, dessen Innenwände durch die Reste eines anderen Weines, der darin war, maukig geworden sind, so wird dass klare Wasser oder der neue Wein darin leicht verderben und bald den schlechten Geruch davon annehmen. Ebenso, wenn Gott in das Gefäß unserer Seele, die durch die Erbsünde und die eigenen Sünden verdorben ist, seine Gnade und seinen Himmelstau, den kostbaren Wein seiner göttliche Liebe eingießt, so werden seine Gaben gewöhnlich durch den Sauerteig und den schlechten Bodensatz, welche die

Sünde in uns zurückgelassen hat, verdorben und befleckt. Unsere besten Handlungen, selbst die höchsten Tugendakte, riechen darnach. Es ist daher zur Erreichung der Vollkommenheit, welche wir nur durch die Vereinigung mit Jesus Christus erlangen, von größter Wichtigkeit, dass wir uns des Bösen, das in uns ist, entledigen; sonst wird der Herr, der unendlich rein ist und den geringsten Makel an der Seele unendlich hasst, uns zurückweisen und sich nicht mit uns vereinigen mögen.

1. Um uns von uns selbst zu befreien, müssen wir zunächst, erleuchtet vom Heiligen Geiste, unsere Unfähigkeit zu allem Guten, unsere Schwäche in allen Dingen, unsere Unwürdigkeit für jede Gnade, unsere Unbeständigkeit und unsere Ungerechtigkeit jederzeit, wohl erkennen. Die Sünde unseres Stammvaters hat uns alle angesteckt, durchsäuert, aufgeblasen und verdorben, wie der Sauerteig den ganzen Teig, in den er gelegt wird, durchsäuert, auftreibt und verdirbt. Die Todsünden oder lässlichen Sünden, die wir selbst begingen, haben, auch wenn sie bereut und verziehen sind, unsere Begierlichkeit, Schwäche, Unbeständigkeit und Verderbtheit noch gesteigert und schlechte Überreste in unserer Seele zurückgelassen. Unsere Leiber sind der Verderbnis so unterworfen, dass sie vom Heiligen Geiste Leiber der Sünde genannt werden, in der Sünde empfangen, in der Sünde aufgewachsen und nur zu Sünde fähig, Leiber, tausenderlei Krankheiten ausgesetzt, die von Tag zu Tag hinfälliger werden und nichts hervorbringen als Räude, Würmer und Verwesung.

Unsere Seele, mit dem Körper verbunden, ist so fleischlich geworden, dass sie selbst Fleisch genannt wird: „Alles Fleisch hat seinen Weg verderbt" (Gen 6,12). Nichts ist daher unser Anteil als einerseits der Stolz, die Geistesblindheit, die Herzenshärte, die Schwäche und Unbeständigkeit in unserer Seele, andererseits die Begierlichkeit, die aufrührerischen Leidenschaften und Krankheiten in unserem Leibe. Von Natur sind wir stolzer als die Pfauen, kleben mehr an der Erde als die Kröten, sind garstiger als die Böcke, neidischer als die Schlangen, gefräßiger als die Schweine, zornmütiger als die Tiger, träger als die Schildkröten, schwächer als das Schilfrohr und unbeständiger als die Wetterfahnen. Wir haben zu eigen nur das Nichts und die Sünde und verdienen nur den Zorn Gottes und die ewige Hölle.

Können wir uns demnach wundern, wenn der Herr gesagt hat, derjenige, der ihm folgen wolle, müsse sich selbst verleugnen und seine Seele hassen? Und wer seine Seele liebe, verliere sie und wer sie hasse, der rette sie? Die unendliche Weisheit Gottes, welche ohne Grund kein Gebot gibt, befiehlt nur deshalb, uns selbst zu hassen, weil wir in ganz besonderer Weise Hass verdienen. Nichts ist mehr der Liebe wert als Gott; nichts ist mehr des Hasses wert als wir selbst in unserer verderbten Natur.

2. Um uns von uns selbst zu befreien, müssen wir weiterhin tagtäglich uns selbst absterben, das heißt, auf die selbstsüchtigen Triebe unserer Seelenkräfte und Sinne verzichten. Wir müssen sehen, als ob wir nicht sähen, hören, als ob wir nicht hörten, die Dinge der Welt gebrauchen, als ob wir sie nicht gebrauchten, was der hl. Paulus nennt: „Tagtäglich sterben" (1 Kor 15,21). „Wenn das in die Erde gelegte Samenkorn nicht stirbt, so bleibt es allein; wenn es aber abgestorben ist, so bringt es viele Frucht" (Joh 12,24f). Wenn wir uns selbst nicht absterben und unsere heiligsten Andachtsübungen uns nicht dahin bringen, diese notwendige und fruchtbare Abtötung zu üben, werden wir keine verdienstliche Frucht hervorbringen. All unsere Gerechtigkeit wird dann durch unsere Eigenliebe und unseren Eigenwillen befleckt sein. Deshalb wird Gott sogar die größten Opfer und besten Handlungen, die wir vollbringen, verabscheuen und wir werden bei unserem Tode unsere Hände leer finden an Tugenden und Verdiensten; kein Funken der reinen Liebe wird in uns sein, die nur den Seelen mitgeteilt wird, die sich selber abgestorben sind und deren Leben mit Jesus Christus in Gott verborgen ist.

 Unter allen Andachten zur heiligen Jungfrau muss man daher diejenige wählen, welche uns am ehesten zur völligen Selbstentsagung führt und somit die beste ist und uns am meisten heiligt. Man soll nur nicht glauben, alles sei Gold, was glänzt, alles Honig, was süß, alles, was leicht zu tun sei und von der Mehrzahl geübt werde, führe zur Heiligung. Wie es Geheimnisse der Natur gibt, um in kurzer Zeit , mit geringen Kosten und mit Leichtigkeit, gewisse natürliche Handlungen fertig zu bringen, ebenso gibt es Geheimnisse im Reich der Gnade, um in kurzer Zeit mit Lust und Leichtigkeit übernatürliche Handlungen zu vollziehen, sich selber zu entsagen, sich mit Gott zu erfüllen und vollkommen zu werden.

Die Andacht, welche ich erklären will, ist eines dieser Gnadengeheimnisse, das der großen Zahl der Christen unbekannt ist, nur von wenigen Frommen erkannt und nur von einer noch viel geringeren Zahl geübt und verkostet wird.

4. Vierte Wahrheit: Notwendigkeit eines Mittlers beim Mittler Jesus Christus

Es ist weit demütiger und darum vollkommener, sich Gott nicht unmittelbar, sondern durch einen Vermittler zu nahen. Da unsere Natur, wie ich soeben gezeigt habe, durch die Sünde verderbt ist, wird selbstredend auch alle unsere Gerechtigkeit vor Gott befleckt und nur von geringem Werte sein, wenn wir uns auf unsere eigenen Bemühungen, Arbeiten und Gebete stützen wollten, um Gott zu gefallen und ihn zu bewegen, uns zu erhören und sich mit uns zu vereinigen. Gott sah diese unsere Unwürdigkeit und Schwäche und hatte Mitleid mit uns. Um uns seiner Erbarmungen fähig zu machen, hat er uns mächtige Fürsprecher gegeben. Diese Vermittler zu übergehen und sich ohne ihre Empfehlung unmittelbar seiner Heiligkeit zu nahen, würde großen Mangel an Demut und Ehrfurcht zeigen gegen einen so erhabenen und heiligen Gott und würde beweisen, dass wir auf die Majestät dieses Königs der Könige weniger Wert legen, als auf die Würde eines irdischen Königs und Fürsten, dem wir uns sicher nicht ohne fürbittenden Freund nahen möchten.

So ist Christus, der Herr, unser Fürsprecher und Mittler bei Gott dem Vater. Durch ihn, unseren Erlöser, müssen wir mit der ganzen triumphierenden und streitenden Kirche unsere Gebete an Gott, den Vater richten; durch ihn haben wir Zutritt zu der Majestät Gottes, vor der wir nur erscheinen dürfen, wenn wir bekleidet sind mit den Verdiensten Christi, wie der junge Jakob mit dem Felle des Ziegenböckleins vor seinem Vater Isaak erschien, um seinen Segen zu empfangen.

Aber haben wir nicht auch einen Mittler notwendig bei diesem Mittler? Ist nicht auch er unser Gott, in allem seinem Vater gleich, und demnach der Heilige der Heiligen, ebenso verehrungswürdig wie sein Vater? Wenn er in seiner unendlichen Liebe unser Bürge und unser Mittler bei Gott, seinem Vater, geworden ist, um ihn zu besänftigen und unsere Schuld zu tilgen, dürfen wir darum weniger Achtung und Furcht vor seiner Majestät und Heiligkeit haben? Ist unsere Reinheit groß genug, um uns unmittelbar mit ihm zu vereinigen?

Gestehen wir es also mit dem hl. Bernhard nur ein, dass wir auch eines Mittlers beim Mittler bedürfen, und dass die allerseligste Jungfrau Maria es ist, welche am besten dieses Amt der Liebe verwalten kann. Durch sie ist Jesus Christus zu uns gekommen, durch sie müssen wir auch zu ihm gehen. Wenn wir uns scheuen, unmittelbar vor Jesus Christus, unseren Gott, hinzutreten aus Furcht vor seiner unendlichen Größe oder wegen unserer Niedrigkeit und unserer Sünden, so rufen wir beherzt die Hilfe und Fürbitte unserer Mutter Maria an! Sie ist gut, sie ist zärtlich; nichts Rauhes, nichts Abstoßendes, aber auch nichts zu Erhabenes und zu Strahlendes ist an ihr. Wenn wir sie sehen, sehen wir unsere Natur in ihrer schönsten Reinheit. Sie ist nicht wie die Sonne, welche durch die Stärke ihrer Strahlen unsere schwachen Augen blenden könnte,

sondern sie ist schön und sanft wie der Mond, der sein Licht von der Sonne empfängt und es mildert, um es unseren schwachen Fähigkeiten anzupassen. Sie ist so liebreich, dass sie niemanden zurückweist, der ihre Fürbitte anruft, er mag ein noch so großer Sünder sein. Denn wie die Heiligen sagen, ist es noch nie erhört worden, seitdem die Welt besteht, dass jemand zur allerseligsten Jungfrau mit Vertrauen und Beharrlichkeit seine Zuflucht genommen hätte und zurückgewiesen worden wäre. Sie ist auch bei Gott so mächtig, dass ihr niemals eine Bitte abgeschlagen wurde. Sie braucht nur vor ihrem Sohn zu erscheinen, um ihn zu bitten, sofort gewährt er es ihr, sofort nimmt er es an; er wird immer aus Liebe besiegt durch die Brüste, den Schoß und die Bitten seiner teuersten Mutter.

Dies alles ist den Aussprüchen des hl. Bernhard und des hl. Johannes Bonaventura entlehnt. Nach ihnen haben wir drei Stufen, um zu Gott emporzusteigen: die erste, die uns am nächsten liegt und am meisten unseren Fähigkeiten entspricht, ist Maria; die zweite ist Jesus Christus, und die dritte ist Gott der Vater. Um zu Jesus zu gelangen, müssen wir zu Maria gehen, sie ist unsere Mittlerin der Fürbitte. Um zum ewigen Vater zu gelangen, müssen wir zu Jesus gehen, er ist unser Mittler der Erlösung. Das ist auch die Ordnung, die bei der Andacht, die ich nachher angeben werde, aufs Vollkommenste beobachtet wird.

5. Fünfte Wahrheit: Unsere geistigen Güter sind in unseren Händen dem Verluste ausgesetzt

Bei unserer Schwäche und Gebrechlichkeit ist es sehr schwer, die Gnadenschätze in uns zu bewahren, die wir von Gott empfangen haben. Denn zunächst tragen wir diesen Schatz, der mehr wert ist als Himmel und Erde, in zerbrechlichen Gefäßen (1 Kor 4,7), in einem sterblichen Leibe und einer schwachen, unbeständigen Seele, die durch die geringste Kleinigkeit verwirrt und zerrüttet werden kann. Sodann sind aber auch die bösen Geister schlaue Diebe, die uns unversehens zu überraschen suchen, um uns zu bestehlen und zu berauben. Sie lauern Tag und Nacht auf einen günstigen Augenblick, gehen darum beständig umher, um uns zu verschlingen und uns durch eine Sünde in einem Augenblick, alles, was wir in vielen Jahren an Gnaden und Verdiensten gewonnen haben, zu entreißen. Ihre Bosheit, ihre Erfahrung, ihre List und ihre große Zahl müssen uns dieses Unglück ständig fürchten lassen, wenn wir bedenken, dass Personen, die reicher an Gnaden und Tugenden, tiefer begründet in der Erfahrung und fortgeschrittener in der Heiligkeit waren, elend überrascht, beraubt und geplündert wurden. Wie viele Zedern des Libanon, wie viele Sterne des Firmamentes haben nicht schon in kurzer Zeit ihre Höhe und ihren Glanz verloren. Woher kommt diese sonderbare Veränderung? Nicht der Mangel an Gnade war es; denn dies fehlt niemandem, es war der Mangel an Demut. Sie fühlten sich stärker und mächtiger, als sie tatsächlich waren, fähig genug, ihre Schätze aus eigener Kraft zu bewahren. Sie vertrauten und stützten sich auf sich selbst, hielten ihr Haus für hinlänglich gesichert und ihre Schränke für stark genug, um den kostbaren Schatz der Gnade zu behüten. Bei diesem unberechtigten Selbstvertrauen, das sie oft genug nicht einmal bemerkten, da sie sich einzig und allein auf die Gnade Gottes zu stützen glaubten, überließ Gott sie sich selbst und ließ es zu, dass sie fielen und ihrer Schätze beraubt wurden. Ach, wenn sie die wunderbare Andacht gekannt hätten, welche ich im Folgenden beschreiben werde, würden sie ihren Schatz der mächtigen und getreuen Jungfrau Maria anvertraut haben, die ihn wie ihr Eigentum bewahrt und für sich selbst eine Pflicht der Gerechtigkeit daraus gemacht hätte. Eine dritte Gefahr für unsere geistigen Güter besteht endlich in der außerordentlichen Verderbtheit der Welt, bei der es schwer ist, in der Gnade zu verharren. Die Welt ist jetzt so verdorben, dass fromme Seelen, wenn auch nicht gerade durch ihren Schmutz, so doch durch den Staub der Welt verunreinigt werden. Es ist geradezu eine Art Wunder, wenn eine Person festbleibt inmitten dieser reißenden Strömung, ohne fortgerissen zu werden, inmitten dieses stürmischen Meeres, ohne unterzugehen oder durch Seeräuber geplündert zu werden, inmitten dieser verpesteten Luft, ohne Schaden zu leiden. Maria, die einzig getreue Jungfrau, an der die Schlange niemals einen Anteil hatte, bewirkt dieses Wunder an allen jenen, die ihr in vollkommener Weise dienen.

2. Artikel - Die falschen Andachten zur allerseligsten Jungfrau

Nachdem wir im Vorausgehenden fünf wichtige Wahrheiten erkannt haben, die uns alle von der Berechtigung und Notwendigkeit einer wahren Andacht zu Maria überzeugten, drängt es uns nun mehr als je, diese wahre Andacht kennen zu lernen. Gleichwohl müssen wir hier mit größter Vorsicht zu Werke gehen und alles wohl überlegen und prüfen. Denn leider gibt es jetzt mehr als je falsche Andachten zur allerseligsten Jungfrau, welche man leicht für wahre Andachten halten könnte. Der Teufel, ein Falschmünzer und feiner, erfahrener Betrüger, hat schon so viele Seelen durch eine falsche Andacht zur allerseligsten Jungfrau getäuscht, geschädigt, ja selbst der Verdammung zugeführt. Alle Tage benützt er seine teuflische Erfahrung, um noch viele andere damit zu verderben, indem er sie unter dem Vorwande einiger schlecht verrichteter Gebete oder rein äußerlicher Andachtsübungen, die er ihnen eingibt, in der Sünde beruhigt und einschläfert. Wie der Falschmünzer gewöhnlich nur Gold und Silber, höchst selten aber die anderen Metalle nachmacht weil es bei diesen nicht der Mühe lohnt, ebenso fälscht auch der böse Feind keine andere Andacht so oft als die Andacht zur allerseligsten Jungfrau, weil diese mit den anderen Andachten wie Gold und Silber mit den anderen Metallen zu vergleichen sind.

Darum ist es jetzt zunächst von größter Wichtigkeit, die falschen Andachten zur allerseligsten Jungfrau kennen zu lernen, um sie zu meiden, und die wahre, um sie anzunehmen. Sodann müssen wir feststellen, welche unter den verschiedenen Übungen der wahren Andacht zur allerseligsten Jungfrau die vollkommenste, dieser selbst die wohlgefälligste, für Gott die glorreichste, und für uns die segensreichste ist, um uns diese dann anzueignen.

Ich finde sieben Arten von Verehrern der allerseligsten Jungfrau, die sich einer falschen Andacht hingeben, nämlich 1. die kritisierenden Verehrer; 2. die skrupellosen Verehrer; 3. die äußerlichen Verehrer; 4. Die vermessenen Verehrer; 5. Die unbeständigen Verehrer; 6. Die heuchlerischen Verehrer; 7. Die eigennützigen Verehrer.

1. Die kritisierenden Verehrer

Die kritisierenden Verehrer sind für gewöhnlich stolze Gelehrte, sogenannte starke, sich selbst genügende Geister, die zwar eine gewisse Ehrfurcht vor der allerseligsten Jungfrau haben, aber alle Andachtsübungen, welche einfache Leute schlicht und einfältig dieser guten Mutter erweisen, bekritteln, weil sie nicht nach ihrem Geschmack sind. Sie ziehen alle Wunder und Erzählungen in Zweifel, welche die Barmherzigkeit und Macht der allerseligsten Jungfrau bezeugen, obwohl sie von glaubwürdigen Schriftstellern berichtet werden oder den Jahrbüchern der religiösen Orden entnommen sind. Sie können es nicht ohne Missbehagen sehen, wenn einfache, demütige Leute vor einem Altare oder Bilde der allerseligsten Jungfrau manchmal an einer Straßenecke knien, um dort zu beten. Sie beschuldigen sie sogar des Götzendienstes, als ob sie das Holz oder den Stein anbeteten. Sie für ihre Person könnten diesen äußeren Andachtsübungen nicht zustimmen; sie seien nicht solche Schwachköpfe, um so vielen Geschichten und Erzählungen, die man über die allerseligste Jungfrau verbreite, Glauben zu schenken. Wenn man sie auf die wunderbaren Lobsprüche hinweist, welche die heiligen Väter der allerseligsten Jungfrau spenden, antworten sie entweder, dass diese in rednerischer Freiheit mit Übertreibung gesprochen hätten, oder sie geben ihren Aussprüchen eine verkehrte Deutung.

Diese Art von falschen Verehrern und wissensstolzen, weltlich gesinnten Leuten ist sehr zu fürchten. Sie schaden der Andacht zur allerseligsten Jungfrau unendlich und bringen leider nur allzuviele mit Erfolg davon ab, unter dem Vorwande, derartige Missbräuche bekämpfen zu müssen.

2. Die skrupellosen Verehrer

Die skrupellosen Verehrer fürchten den Heiland zu entehren, wenn sie Maria verehren, oder den Sohn zu erniedrigen, wenn sie die Mutter erheben. Sie können es nicht leiden, wenn man der allerseligsten Jungfrau die durchaus gebührenden Ruhmestitel gibt, welche ihr die heiligen Väter gegeben haben. Sie ertragen es nur widerwillig, dass mitunter mehr Leute vor einem Altar der allerseligsten Jungfrau knien, als vor dem Tabernakel, in der Meinung, das eine stehe mit dem anderen in Widerspruch, als ob jene, welche zur allerseligsten Jungfrau beten, nicht auch durch sie zu Jesus Christus beteten. Sie wollen nicht, dass man so viel von der Mutter Gottes spreche und sich so oft an sie wende. Ihre gewöhnlichen Redensarten lauten: „Wozu so viele Rosenkränze, so viele Bruderschaften und äußeren Andachten zur allerseligsten Jungfrau? Hierin herrscht sehr viel Unwissenheit. So macht man ein Zerrbild aus unserer Religion! Man muss zu Jesus Christus seine Zuflucht nehmen, er ist unser alleiniger Mittler: Jesus Christus muss man predigen, so ist es Gottes Wille!" Abgesehen davon, dass solche Leute oft genug auch vor Christus keine genügende Ehrfurcht zeigen, ist das, was sie sagen, nur in einem gewissen Sinne wahr. Aber wegen der Anwendung, die sie daraus ziehen, um die Andacht zur allerseligsten Jungfrau zu schmälern, ist dies eine sehr gefährliche und feine Schlinge des bösen Geistes, der sich hier so recht in der Gestalt eines guten Engels zu zeigen sucht. Denn niemals wird doch Christus mehr geehrt, als wenn man seine heilige Mutter wahrhaft hochschätzt, was man ja nur tut, um Jesus Christus vollkommener zu ehren. Maria ist uns der Weg, auf dem wir zum Ziele gelangen, nach dem wir streben, nämlich zu Jesus Christus, hochgelobt in Ewigkeit.

Auch die heilige Kirche preist mit dem Heiligen Geiste zuerst die allerseligste Jungfrau, und dann Jesus Christus selig: Benedicta tu in mulieribus, et benedictus fructus ventris tui Jesus: „Du bist gebenedeit unter den Weibern, und gebenedeit ist die Frucht Deines Leibes, Jesus." Nicht als ob die allerseligste Jungfrau mehr wäre als Jesus Christus oder ihm auch nur gleichkäme, - das wäre eine unerträgliche Häresie, - sondern weil man, um Christus vollkommener preisen zu können, zuvor Maria preisen muss. Darum wollen auch wir mit allen wahren Verehrern der allerseligsten Jungfrau gegenüber diesen falschen, skrupellosen Verehrern freudig zurufen: „Maria, Du bist gebenedeit unter den Weibern, und gebenedeit ist die Frucht Deines Leibes, Jesus!"

3. Die äußerlichen Verehrer

Äußerliche Verehrer zeigen ihre ganze Andacht zur allerseligsten Jungfrau in rein äußerlichen Andachtsübungen, während ihnen der innere Geist mangelt. Sie sagen eine Menge Rosenkränze in Eile her, hören viele Messen ohne Aufmerksamkeit an, begleiten die Prozessionen ohne Andacht, lassen sich in alle möglichen Bruderschaften einschreiben, ohne ihr Leben zu bessern, ohne ihren Leidenschaften Gewalt anzutun und ohne die Tugenden der allerseligsten Jungfrau nachzuahmen. Dazu gehören auch solche, die nur das Fühlbare der Andacht lieben, ohne ihren Kern zu kosten. Wenn sie bei ihren Andachten keinen fühlbaren Trost haben, so glauben sie nichts getan zu haben, werden verwirrt, und lassen dann alles gehen, oder erfüllen ihre Pflichten nur mit gebrochenem Herzen. Solcher rein äußerer Verehrer gibt es viele. Mit Vorliebe bekritteln sie die wahren Verehrer Mariä, die mehr das Innerliche und damit das Wesentliche pflegen, ohne jedoch das Äußere gering zu schätzen, das selbstredend die wahre Andacht begleiten muss.

4. Die vermessenen Verehrer

Die vermessenen Verehrer sind Sünder, die unter dem schönen Namen von Christen und Verehrern der allerseligsten Jungfrau als Kinder der Welt den Stolz, die Habsucht, die Unkeuschheit, die Trunkenheit, den Zorn, das Fluchen, das Lügen, die Ungerechtigkeit etc. verbergen. Unter dem Vorwand, Verehrer der allerseligsten Jungfrau zu sein, schlafen sie ruhig in ihren schlechten Gewohnheiten dahin, ohne sich Gewalt anzutun und sich zu bessern. Die Vorwürfe ihres Gewissens suchen sie zu beschwichtigen durch den Wahn, Gott werde ihnen schon verzeihen und sie nicht ohne Beichte sterben lassen. Sie könnten auch nicht verdammt werden, weil sie ihren Rosenkranz beten, weil sie am Samstag fasten, weil sie der Bruderschaft des heiligen Rosenkranzes oder des Skapuliers oder einer Kongregation Mariä angehören. Wenn man ihnen sagt, ihre Andacht sei leere Täuschung des Satans und gefährliche Vermessenheit, dazu angetan, sie zu verderben, so wollen sie das keineswegs glauben. Sie antworten: Gott ist ja gütig und barmherzig; er hat uns nicht erschaffen, um uns zu verdammen; es ist ja kein Mensch ohne Sünde. Ich werde sicherlich nicht ohne Beichte sterben, ein herzliches: Peccavi, „ich habe gesündigt" beim Tode genügt; ich bin ja auch ein Verehrer der allerseligsten Jungfrau, trage das Skapulier, bete alle Tage, ohne mich zu rühmen, sieben Vaterunser und Gegrüßet seist du Maria zu ihrer Ehre; ich bete sogar zuweilen den Rosenkranz und das Offizium der allerseligsten Jungfrau, ich faste usw. Zur Bekräftigung dieser ihrer Äußerungen und um sich noch mehr zu verblenden, führen sie Geschichten an, die sie gehört oder in Büchern gelesen haben, - ob sie nun wahr oder falsch sind, das kümmert sie nicht, - welche glauben machen, dass gewisse Personen, die ohne Beichte in der Todsünde starben, auf Grund einiger während ihres Lebens verrichtete Gebete oder Andachtsübungen zur allerseligsten Jungfrau entweder wieder vom Tode erweckt wurden, um beichten zu können, oder dass ihre Seele bis zur Ablegung der Beichte wunderbar im Leibe zurückgehalten wurde, oder dass sie durch die Barmherzigkeit der seligsten Jungfrau in ihrer Todesstunde von Gott eine vollkommene Reue und die Verzeihung ihrer Sünden erlangt haben und dadurch gerettet worden sind, - und so hoffen sie nun dasselbe auch für sich. Nichts sollte dem wahren Christen so verwerflich erscheinen, als solch eine teuflische Vermessenheit. Kann man denn in Wahrheit sagen, man liebe und verehre die allerseligste Jungfrau, wenn man ihren Sohn durch seine Sünden beschimpft, unbarmherzig geißelt, durchbohrt und kreuzigt? Wenn Maria sich durch ihre Barmherzigkeit verpflichtet hätte, diese Sorte von Leuten zu retten, so würde sie damit die Sünde freigeben und mithelfen, ihren göttlichen Sohn zu kreuzigen und zu beschimpfen; wer wagte, solches auch nur zu denken?

Die Verehrung der allerseligsten Jungfrau, welche nächst der Anbetung des allerheiligsten Altarsakramentes die heiligste und gnadenreichste Andachtsübung ist, so zu missbrauchen, ist nach meiner Auffassung ein schreckliches Sakrilegium, nach der unwürdigen Kommunion wohl das größte und daher am wenigsten zu verzeihen.

Ich gebe zu, um ein wahrer Verehrer der allerseligsten Jungfrau zu sein, ist es nicht unbedingt notwendig, so heilig zu sein, dass man jede Sünde meidet, obwohl das sehr zu wünschen wäre. Wenigstens muss man aber 1. den aufrichtigen Willen haben, zum mindesten jede Todsünde zu meinen, welche die Mutter ebenso beleidigt wie den Sohn; 2. muss man sich Gewalt antun, um die Sünde überhaupt zu meiden; 3. soll man sich in eine Bruderschaft Mariä aufnehmen lassen, den Rosenkranz, den Psalter oder andere Gebete verrichten, am Samstag fasten usw. Dieses alles ist zur Bekehrung eines Sünders, selbst eines verhärteten, von wunderbarem Nutzen, und wenn du, lieber Leser, ein solcher wärest, selbst wenn du mit einem Fuße schon im Abgrund ständest, so rate ich dir diese guten Werke an, aber unter der Bedingung, dass du sie einzig in der Absicht verrichtest, um von Gott durch die Fürbitte der heiligen Jungfrau die Gnade der Reue, die Verzeihung der Sünden und die Kraft zu erlangen, mit den schlimmen Gewohnheiten zu brechen. Du dürftest es aber nie in der Absicht tun, um trotz der Vorwürfe des Gewissens, gegen das Beispiel Jesu Christi und seiner Heiligen, und im Widerspruch zu den Grundsätzen des hl. Evangeliums bequem im Zustand der Sünde weiter leben zu können.

5. Die unbeständigen Verehrer

Unbeständige Verehrer sind jene, welche nur hin und wieder und nach Laune die allerseligste Jungfrau verehren. Bald sind sie voll Feuer und gleich darauf wieder lau, bald zeigen sie sich bereit, alles ihr zu Ehren zu tun, und kurz darauf haben sie es schon wieder vergessen. Zuerst nehmen sie alle Andachten zur allerseligsten Jungfrau an, lassen sich in alle möglichen Bruderschaften aufnehmen, und nachher üben sie deren Regel keineswegs mit Treue. Sie wechseln wie der Mond. Darum setzt auch Maria auf sie wie auf die Mondsichel ihren Fuß, weil sie veränderlich und deshalb unwürdig sind, unter die treuen Diener dieser Jungfrau gezählt zu werden, welche beharrlich und standhaft ihre Pflichten erfüllen. Besser ist es, sich nicht mit so vielen Gebeten und Andachtsübungen zu überladen, aber das Wenige dann auch mit Liebe und Treue zu tun, ohne Rücksicht auf Welt, Satan und Fleisch.

6. Die heuchlerischen Verehrer

Eine weitere Gattung falscher Verehrer der allerseligsten Jungfrau sind die heuchlerischen Verehrer, die ihre Sünden und Laster unter dem Mantel dieser treuen Jungfrau verbergen wollen, um in den Augen der Menschen für besser zu gelten, als sie wirklich sind.

7. Die eigennützigen Verehrer

Endlich gibt es noch eigennützige Verehrer, die nur deswegen zur allerseligsten Jungfrau ihre Zuflucht nehmen, um irgend einen Prozess zu gewinnen, einem irdischen Unheil zu entrinnen, um von einer Krankheit geheilt zu werden oder in irgend einer anderen Not dieser Art sich ihre Hilfe zu sichern, sonst aber nicht an sie denken. Die einen wie die andern sind falsche Verehrer der allerseligsten Jungfrau, die weder in den Augen Gottes noch bei seiner heiligsten Mutter etwas gelten.

Sehen wir uns also vor, dass wir nicht zu der Zahl der kritisierenden Verehrer gehören, die nichts glauben und alles bekritteln wollen; oder zu den skrupellosen Verehrern, die zu viel Andacht zur allerseligsten Jungfrau zu haben vermeinen aus Achtung vor Jesus Christus; auch nicht zu den bloß äußerlichen Verehrern, die ihre ganze Verehrung auf rein äußere Andachtsübungen beschränken; am wenigsten zu den vermessenen Verehrern, die unter dem Vorwande ihrer vermeintlichen Andacht zur allerseligsten Jungfrau in ihren Sünden ergrauen; ferner nicht zu den unbeständigen Verehrern, die aus Leichtfertigkeit ihre Andachtsübungen ändern oder bei der geringsten Versuchung sie alsbald wieder aufgeben; nicht zu den heuchlerischen Verehrern, die sich in Bruderschaften aufnehmen lassen und das Kleid Mariä tragen, lediglich um für gut zu gelten; endlich nicht zu den eigennützigen Verehrern, die zur allerseligsten Jungfrau nur deswegen ihre Zuflucht nehmen, um von körperlichen Leiden befreit zu werden oder um zeitliche Güter zu erlangen.

3. Artikel - Die wahre Andacht zur allerseligsten Jungfrau. Ihre Merkmale

Nachdem wir die falschen Andachten zu Maria dargelegt haben, müssen wir nunmehr die Eigenschaften der wahren Andacht näher bestimmen, nämlich: 1. innerlich, 2. zart, 3. heilig, 4. beharrlich, 5. uneigennützig.

  1. Die wahre Andacht zur allerseligsten Jungfrau soll innerlich sein, d.h. aus dem Geiste und aus dem Herzen kommen. Sie soll der Hochachtung entspringen, die man gegen die allerseligste Jungfrau hegt, der hohen Anschauung entsprechen, die man sich von ihrer Größe gebildet hat und von der Liebe getragen sein, die man ihr entgegen bringt.
  2. Die wahre Andacht ist zart, das heißt, sie ist beseelt von dem größten Vertrauen zur allerseligsten Jungfrau, die man in allem als seine gute Mutter betrachtet. Die wahre Andacht bewirkt, dass eine Seele in all ihren leiblichen und geistigen Nöten mit Einfalt, Zärtlichkeit und kindlichem Vertrauen zu Maria ihre Zuflucht nimmt und den Beistand dieser guten Mutter zu jeder Zeit, an allen Orten und in allen Anliegen erfleht: in ihren Verirrungen, um wieder auf den rechten Weg zu gelangen; in ihren Versuchungen, um standhaft zu bleiben; in ihren Schwachheiten, um gestärkt zu werden; bei ihren Sünden, um sich wieder zu erheben; bei ihren Enttäuschungen, um wieder Mut zu gewinnen; in ihren Gewissensängsten, um davon befreit zu werden; in ihren Kreuzen, Arbeiten und Widerwärtigkeiten des Lebens, um Trost zu erhalten. Mit einem Wort, in allen Übeln des Leibes und der Seele ist Maria die Zuflucht ihres wahren Verehrers, ohne dass er zu fürchten braucht, diese gute Mutter zu belästigen oder dem Heiland zu missfallen.
  3. Die wahre Andacht zur allerseligsten Jungfrau ist weiterhin heilig, das heißt, sie treibt die Seele an, die Sünde zu meiden und die Tugenden der allerseligsten Jungfrau nachzuahmen, besonders ihre tiefe Demut, ihren lebendigen Glauben, ihren blinden Gehorsam, ihr beständiges Gebet, ihre vollkommene Abtötung, ihre unvergleichliche Reinheit, ihre glühende Liebe, ihre heldenhafte Geduld, ihre engelgleiche Sanftmut und ihre göttliche Weisheit. Das sind die zehn vorzüglichsten Tugenden Mariä.
  4. Die wahre Andacht ist auch beharrlich. Sie befestigt die Seele im Guten und treibt sie an, nicht leicht ihre Andachtsübungen aufzugeben, sie verleiht ihr Mut, sich der Welt mit ihren Moden und Grundsätzen, dem Fleische mit seinen Launen und Leidenschaften, dem Teufel mit seinen Versuchungen zu widersetzen. Die wahre Andacht zur allerseligsten Jungfrau bewahrt somit vor Veränderlichkeit, Verdrossenheit, Gewissenspein und Ängstlichkeit. Damit ist nicht gesagt, dass eine solche Seele nicht fallen könne und im Gefühl der Andacht nicht manchmal dem Wechsel unterworfen sei. Aber wenn sie fällt, erhebt sie sich alsbald wieder, indem sie die Hand nach ihrer guten Mutter ausstreckt; und wenn sie den Geschmack und das Gefühl der Andacht verliert, ist sie darüber keineswegs in Unruhe. Denn der Gerechte und der treue Verehrer Mariä lebt aus dem Glauben an Jesus und Maria und nicht aus den unbeständigen Gefühlen des Leibes und der Seele.
  5. Endlich ist die wahre Andacht zur allerseligsten Jungfrau uneigennützig, das heißt, sie treibt die Seele an, sich nicht selbst, sondern in und durch Maria Gott allein zu suchen. Ein wahrer Verehrer Mariä dient dieser hehren Königin nicht aus Gewinn- und Selbstsucht, nicht wegen zeitlichen oder ewigen Nutzens, nicht wegen körperlicher oder geistiger Güter, sondern einzig und allein, weil sie es verdient, dass man ihr diene und Gott in ihr. Er liebt Maria nicht, weil sie ihm Gutes erweist, oder er es von ihr hofft, sondern weil sie so liebenswürdig ist. Deshalb liebt er sie und dient er ihr mit gleicher Treue in Trostlosigkeit und Trockenheit, wie zur Zeit innerer Tröstungen und fühlbarer Andacht; er liebt sie ebenso auf dem Kalvarienberge, wie

auf der Hochzeit zu Kana. Wie angenehm und wertvoll ist in den Augen Gottes und seiner heiligen Mutter ein solcher Verehrer Mariä, der in keiner Weise sich selbst sucht! Allein wie selten ist ein solcher heutzutage zu finden! Deswegen habe ich ja gerade die Feder ergriffen, um solche Verehrer zu erwecken und hier das niederzuschreiben, was ich bei meine Missionen so viele Jahre hindurch öffentlich und einzeln mit Erfolg gelehrt habe.

4. Artikel - Prophetische Vorhersagung bezüglich der vollkommenen Andacht zu

Maria

Gewiss habe ich jetzt schon viele Wahrheiten über die allerseligste Jungfrau und ihre Verehrung dargelegt. Bei meinem Vorhaben, wahre Diener Mariä und wahre Schüler Jesu Christi heranzubilden, habe ich aber noch viel mehr zu sagen, werde indes leider noch unendlich mehr übergehen müssen, sei es aus Unwissenheit und Unvermögen, sei es aus Mangel an Zeit.

Wie reichlich wäre meine Mühe belohnt, wenn diese kleine Schrift in die Hände einer glücklichen Seele fiele, die geboren ist aus Gott und Maria, und nicht aus dem Geblüte, nicht aus dem Willen des Fleisches, nicht aus dem Willen des Mannes, - und wenn sie ihr mit der Gnade des Heiligen Geistes die Vortrefflichkeit und den Wert der wahren und gnadenreichen Andacht zur allerseligsten Jungfrau entdecken und offenbaren würde, die ich jetzt mit schwachen Worten beschreiben will! Ja, wenn ich wüsste, dass mein sündiges Blut dazu beitragen könnte, diese Wahrheiten, die ich zu Ehren meiner lieben Mutter und hehren Gebieterin als ihr letztes Kind und unnützer Knecht hier niederschreibe, den Herzen tiefer einzuprägen, so würde ich sie lieber mit meinem Blut als mit Tinte schreiben in der Hoffnung, gute Seelen zu finden, die durch ihre Treue meine gute Mutter und Herrin für die Verluste entschädigen werden, die sie durch meine Untreue und meine Undankbarkeit erlitten hat. Ich fühle mich mehr als je zu der zuversichtlichen Hoffnung ermutigt, die tief in meinem Herzen ruht, um deren Erfüllung ich Gott schon seit einer Reihe von Jahren bitte: dass die allerseligste Jungfrau früher oder später mehr Kinder, Diener und Sklaven aus Liebe haben möge als je, und dass dadurch auch Christus, mein teurer Meister, mehr als je in den Herzen zur Herrschaft gelange.

Ich sehe wohl im Geiste reißende Tiere, die voll Wut mit ihren teuflischen Zähnen diese kleine Schrift und deren Verfasser zu zerreißen suchen, oder dieses Büchlein wenigstens im Dunkel und in der Stille eines Koffers verbergen möchten, damit es nicht ans Tageslicht kommt. Sie werden selbst die Männer und Frauen, welche diese Schrift lesen und in die Tat umzusetzen suchen, angreifen und verfolgen. Aber was liegt daran! Umso besser! Diese Voraussicht ermutigt mich und lässt mich als großen Erfolg eine mächtige Schar tapferer und kräftiger Streiter Jesu und Mariä beiderlei Geschlechts erhoffen, welche ankämpfen gegen Welt, Satan und die eigene verdorbene Natur in jenen gefahrvollen Zeiten, die mehr denn je sich nahen! „Wer es liest, verstehe es!" (Mt 24,15). „Wer es fassen kann, der fasse es!" (Mt 19,12)