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Abhandlung von der Wahren Andacht zur allerseligsten Jungfrau Maria - ERSTER TEIL - Von der Andacht zur allerseligsten Jungfrau im allgemeinen

Spis treści


 

ERSTER TEIL - Von der Andacht zur allerseligsten Jungfrau

im allgemeinen

Erstes Kapitel - Die allerseligste Jungfrau in der Erlösung

1. Artikel - Mitwirkung Mariä bei der Menschwerdung

Mit der ganzen Kirche bekenne ich, dass Maria als Geschöpf aus der Hand des Allerhöchsten hervorgegangen im Vergleich zu seiner unendlichen Majestät geringer als ein Atom, ja geradezu ein Nichts ist. Denn Gott allein ist der, welcher das Sein aus sich selbst besitzt und infolgedessen der Allerhöchste ist, der allzeit unabhängig sich selbst genügt. Niemals bedurfte er der allerseligsten Jungfrau, noch bedarf er ihrer jetzt, um seine Absichten zu verwirklichen und seine Herrlichkeit zu offenbaren. Er braucht nur zu wollen, um alles zu vollbringen.

Ich behaupte indessen, dass Gott, der in der ganzen Heilsordnung seine größten Werke durch die allerseligste Jungfrau seit ihrer Erschaffung beginnen und vollenden wollte, diese Ordnung sicherlich in alle Ewigkeit beibehalten wird; denn er ist Gott und ändert sich weder in seinen Absichten noch in seinem Handeln.

Gott Vater hat seinen Sohn der Welt nur durch Maria geschenkt. Mochten die Patriarchen noch so lebhaft nach der Ankunft des Messias verlangen, mochten die Propheten und Heiligen des alten Bundes 4000 Jahre lang noch so innig darum flehen, Maria allein hat diesen Schatz verdient und Gnade gefunden vor Gott durch die Kraft ihres Gebetes und die Größe ihrer Tugenden. Die Welt war nicht würdig, sagt der hl. Augustinus, den Sohn Gottes unmittelbar aus den Händen des Vaters zu empfangen; Gott der Vater hat ihn Maria geschenkt, damit die Welt ihn aus ihrer Hand erhalte. Der Sohn Gottes ist Mensch geworden, um uns zu retten, aber nur in Maria und durch Maria. Gott, der Heilige Geist, hat Jesus Christus in Maria gebildet, aber erst, nachdem er durch einen der ersten Diener seines Hofes ihre Zustimmung eingeholt hatte. Gott der Vater hat Maria teilnehmen lassen an seiner Fruchtbarkeit, soweit ein Geschöpf dessen fähig ist, um sie in den Stand zu setzen, seinen Sohn zu gebären und alle Glieder seines mystischen Leibes in sich zu bilden.

Gott der Sohn stieg in ihren jungfräulichen Schoß hinab als neuer Adam in das irdische Paradies, um in ihr sein Wohlgefallen zu finden und seine geheimen Wunder der Gnade zu wirken. Als menschgewordener Gott fand er seine Freiheit darin, sich in ihrem Schoß zu verbergen. Seine Macht wollte er dadurch leuchten lassen, dass er sich von dieser bescheidenen Jungfrau tragen und pflegen ließ. Seine und seines Vaters Ehre fand er darin, seine Herrlichkeit vor allen Kreaturen hienieden zu verbergen, um sie Maria allein zu offenbaren. Seine Unabhängigkeit und Majestät verherrlichte der Gottmensch dadurch, dass er sich von dieser liebenswürdigen Jungfrau abhängig machte in seiner Empfängnis, in seiner Geburt, in seiner Aufopferung im Tempel und während seines dreißigjährigen verborgenen Lebens bis zu seinem Tode. Schließlich sollte sie auch bei seinem bitteren Leiden und Sterben an seiner Seite stehen, da er mit ihr ein und dasselbe Opfer ausmachen und nur mit ihrer Zustimmung dem himmlischen Vater geopfert werden wollte, wie einst auch das Opfer Isaak nach dem Willen Gottes von der Zustimmung Abrahams abhängig gemacht wurde. Maria ist es, die unseren Erlöser genährt, gepflegt, aufgezogen und für uns geopfert hat.

O wunderbare und unbegreifliche Abhängigkeit eines Gottes, die der Heilige Geist im Evangelium nicht erwähnen konnte, ohne uns ihre Bedeutung und die unendliche Schönheit ihres Glanzes zu zeigen! Sonst hat er uns fast alle geheimnisvollen Wunder vorenthalten, welche die menschgewordenen Weisheit während ihres verborgenen Lebens gewirkt hat! Dieses Wunder konnte er uns nicht verschweigen. Denn Jesus Christus hat seinen himmlischen Vater durch seine dreißigjährige Unterwürfigkeit unter seine Mutter mehr verherrlicht, als wenn er durch die größten Wunder die ganze Welt bekehrt hätte. O wie hoch werden daher auch wir Gott verehren, wenn wir, um ihm zu gefallen, uns Maria unterwerfen nach dem Beispiel Jesu Christi, unseres höchsten Vorbildes!

Wenn wir sodann das übrige Leben Jesu Christi ins Auge fassen, so sehen wir, dass er seine Wunder durch Maria beginnen wollte. Er hat den hl. Johannes im Schoße seiner Mutter Elisabeth durch das Wort Mariä geheiligt. Denn kaum hatte sie die Worte des Grußes Elisabeth gesprochen, da wurde Johannes von der Erbsünde gereinigt, und das war das erste und größte Wunder Jesu in der Ordnung der Gnade. Auf die demütige Bitte Mariä hin verwandelte er auf der Hochzeit zu Kana Wasser in Wein, und das war sein erstes Wunder in der Ordnung der Natur. So hat er seine Wunder begonnen und fortgesetzt durch Maria, und er wird sie auch weiterhin durch Maria fortsetzen bis zum Ende der Zeiten.

Gott der Heilige Geist, unfruchtbar in der Gottheit, insofern er keine andere göttliche Person hervorbringt, ist fruchtbar geworden durch Maria, welche er sich vermählt hat. Mit ihr, in ihr und von ihr hat er sein Meisterwerk hervorgebracht, welches ist der menschgewordenen Sohn Gottes. Auch heute noch bringt er in gleicher Weise die Auserwählten hervor und wird sie als Glieder jenes anbetungswürdigen Hauptes auch in Zukunft hervorbringen bis zum Ende er Zeiten. Je mehr er daher Maria, seine treue und unzertrennliche Braut, in einer Seele findet, um so mehr wird er Jesus Christus in dieser Seele und diese Seele in Jesus Christus hervorzubringen vermögen.

Selbstredend soll damit keineswegs gesagt sein, die heilige Jungfrau habe dem Heiligen Geist die Fruchtbarkeit erst gegeben, wie wenn er sie bis dahin nicht gehabt hätte. Als Gott besitzt er ja die Fruchtbarkeit und Schöpferkraft, ebenso wie der Vater und der Sohn, obwohl er sie nicht betätigt, insofern er keine andere göttliche Person hervorbringt. Es soll damit nur gesagt sein, der Heilige Geist betätige seine Fruchtbarkeit durch Vermittlung der allerseligsten Jungfrau, obwohl er ihrer nicht unbedingt bedarf, indem er in ihr und durch sie Jesus Christus und seine Glieder hervorbringt; ein Geheimnis der Gnade, das selbst die weisesten Geistesmänner nicht erfassen können.

2. Artikel - Mitwirkung Maria bei der Heiligung der Seelen

1. Ratschluss der heiligsten Dreifaltigkeit hinsichtlich der allerseligsten Jungfrau

Wie die drei Personen der allerheiligsten Dreifaltigkeit bei der Menschwerdung und ersten Ankunft des Erlösers die Mitwirkung Mariä in Anspruch nahmen, so wollen sie auch bei dem Erlösungs- und Heiligungswerk der Kirche und besonders bei der bevorstehenden zweiten Ankunft Jesu Christi am Ende der Zeiten die Mithilfe der allerseligsten Jungfrau keineswegs entbehren.

Gott der Vater ließ die Wassermassen der Erde an einen Ort zusammenfließen und nannte sie Maria, d.h. Meer. Er vereinigte auch alle Ströme der Gnaden in einem auserwählten Geschöpf, und diesem gab er den Namen Maria. Alles Herrliche, alles Seltene und Kostbare sammelte er in eine geheimnisvolle Schatzkammer, um in ihr seinen eingeborenen Sohne eine würdige Wohnung zu bereiten. Und dieses unermesslich reiche Heiligtum ist niemand anders als Maria, welche die Heiligen die Schatzkammer des Herrn nennen, aus deren Fülle die Menschen alle empfangen haben.

Gott der Sohn hat seiner Mutter alles mitgeteilt, was er durch sein Leben und seinen Tod, durch seine unendlichen Verdienste und seine wunderbaren Tugenden erworben hat, und hat sie zur Schatzmeisterin eingesetzt über alles, was ihm der Vater zum Erbe gegeben. Durch sie wendet er allen Gliedern seines mystischen Leibes seine Verdienste zu, durch sie teilt er ihnen seine Tugenden und Gnaden aus. Maria ist sein geheimnisvoller Kanal, durch den er mildherzig und überreich seine Erbarmungen fließen lässt.

Gott der Heilige Geist hat Maria, seiner geliebten Braut, seine unaussprechlichen Gaben anvertraut und sie zur Ausspenderin aller seiner Reichtümer erwählt, so dass sie alle seine Gaben und Gnaden austeilen kann, wenn sie will. Ja der Heilige Geist verleiht den Menschen alle Himmelsgaben nur durch Marias jungfräuliche Hand. Denn das ist der Wille Gottes, dass wir alles durch Maria besitzen. So sollte vom Allerhöchsten diejenige bereichert, erhöht und verherrlicht werden, welche die Armut erwählt und sich während ihres ganzen Lebens durch ihre tiefe Demut in den Abgrund des Nichts erniedrigt und versenkt hat. - Dies alles sind Gedanken der Kirche und der heiligen Väter.

Wenn ich zu den Gelehrten unserer Zeit spräche, würde ich das, was ich jetzt nur mit einfachen Worten sage, weitläufig aus der heiligen Schrift und den Vätern beweisen, es durch lateinische Textstellen und zahlreiche Beweisgründe belegen, wie es z.B. der ehrwürdige Pater Poiré in seiner „Dreifachen Krone der seligsten Jungfrau" getan hat. Da ich aber zu einfachen und schlichten Leuten rede, die guten Willens sind und mehr Glauben haben als gewöhnlich die Gelehrten, auch mit mehr Einfalt und Verdienst glauben, so gebe ich mich damit zufrieden, ihnen in einfachen Worten die Wahrheit zu erklären, ohne mich damit aufzuhalten, alle lateinischen Texte anzuführen, die sie ja doch nicht verstehen. Gleichwohl will ich nicht unterlassen, wenigstens einige der wichtigsten Aussprüche vorzubringen, ohne jedoch sehr darnach zu suchen.

Da die Gnade die Natur vervollkommnet und die Glorie die Gnade vollendet, ist der Heiland im Himmel ebenso Sohn Mariä geblieben, wie er es auf Erden war und hat deshalb auch als bestes aller Kinder dieselbe Unterwürfigkeit und denselben Gehorsam gegen die beste aller Mütter bewahrt wie ehedem. Man darf aber die Abhängigkeit nicht als Erniedrigung oder Unvollkommenheit Christi auffassen. Denn da Maria unendlich tief unter ihrem Sohn steht, weil er zugleich Gott ist, befiehlt sie ihm nicht, wie es eine Mutter auf Erden ihrem Kinde gegenüber tut, das unter ihr steht. Da Maria durch die Gnade und Glorie Gott ganz gleichförmig geworden ist, wie es bei allen Heiligen der Fall ist, so bittet sie um nichts, will sie nichts und tut sie auch nichts, was dem ewigen und unveränderlichen Willen Gottes entgegen wäre. Wenn man daher in den Schriften des hl. Bernhard, des hl. Bernardin, des hl. Bonaventura und anderer liest, dass im Himmel und auf Erden alles, ja sogar Gott selbst der allerseligsten Jungfrau untertan sei, so soll das heißen: die Macht, welche Gott aus freiem Willem Maria hat einräumen wollen, ist so groß, dass sie dieselbe Macht wie Gott zu haben scheint, und ihre Bitten und Gebete sind bei Gott so mächtig, dass sie ihm als Befehle gelten trotz seiner Majestät, die niemals dem Flehen der geliebten Mutter widerstehen kann, da dieses ja immer demütig und dem göttlichen Willen gleichförmig ist.

Wenn Moses durch die Kraft seines Gebetes den Zorn Gottes über die Israeliten so wirksam beschwichtigte, dass der allerhöchste und unendlich barmherzige Herr ihm nicht widerstehen konnte und dem aufrührerischen Volke seinetwegen verzieh, welche Kraft werden wir dann erst dem Gebete der demütigen und glorwürdigen Gottesmutter zuschreiben, das bei der Majestät Gottes viel mächtiger ist als die Bitten und Fürsprachen aller Engel und Heiligen des Himmels und der Erde!

Maria gebiete als Königin des Himmels über die Engel und Heiligen. Als Lohn für ihre tiefe Demut hat Gott ihr die Macht und Aufgabe zuerkannt, die leeren Throne mit Heiligen zu besetzen, von denen die aufrührerischen Engel wegen ihres Stolzes gestürzt wurden. Denn der Allerhöchste, der die Demütigen erhöht, hat bestimmt, dass der Himmel, die Erde und die Unterwelt, ob sie wollen oder nicht, sich unter das Zepter der demütigen Jungfrau beugen sollen, und so hat er Maria zur Gebieterin über Himmel und Erde gemacht, und sie zur Führerin seiner Heerscharen, zur Schatzmeisterin seiner Reichtümer, zur Ausspenderin seiner Gnaden, zum Werkzeug seiner großen Wunder, zur Erlöserin des Menschengeschlechtes, zur Mittlerin der Auserwählten, zur Vernichterin der Feinde Gottes und zur treuen Genossin seiner Herrlichkeit und seiner Triumphe erhoben.

Gott der Vater will sich durch Maria bis zum Ende der Zeiten Kinder erzeugen und hat zu ihr die Worte gesprochen: In Jacob inhabita (Eccli 24,13), „nimm Wohnung in Jakob", d.h. schlage Dein Zelt und Deine Wohnung auf in meinen Kindern, in meinen Auserwählten, die vorgebildet sind durch Jakob, nicht aber in den Kindern des Teufels und den Verworfenen, die in Esau ihr Vorbild besitzen.

Wie wir der natürlichen und körperlichen Abstammung nach einen Vater und eine Mutter haben, so haben wir auch in unserer übernatürlichen und geistigen Abstammung einen Vater, nämlich Gott, und eine Mutter, nämlich Maria. Alle wahren Kinder Gottes, alle Auserwählten haben Gott zum Vater und Maria zur Mutter; und wer Maria nicht zur Mutter hat, kann auch Gott nicht zum Vater haben. Deshalb haben auch die Verworfenen, wie die Häretiker, die Schismatiker etc., welche die allerseligste Jungfrau hassen und mit Geringschätzung oder

Gleichgültigkeit betrachten, Gott nicht zum Vater, wie sehr sie sich auch dessen rühmen mögen, weil sie Maria nicht zur Mutter haben. Denn wenn sie dieselbe zur Mutter hätten, würden sie sie lieben und ehren, wie ein wahres und gutes Kind seine Mutter ehrt und liebt, die ihm das Leben gegeben hat.

Das sicherste und unzweifelhafteste Zeichen, um die Häretiker, die Anhänger falscher Lehren und die Verworfenen von den Auserwählten zu unterscheiden, liegt gerade darin, dass jene der allerseligsten Jungfrau nur Geringschätzung und Gleichgültigkeit entgegenbringen, indem sie durch Wort und Beispiel, offen oder heimlich, manchmal unter schillernden Vorwänden die Andacht und Liebe zu ihr zu schmälern suchen. Wehe ihnen! Denn Gott der Vater hat nie zu Maria gesagt, sie solle bei ihnen ihre Wohnung aufschlagen, weil sie die Kinder Esaus sind.

Gott der Sohn will sich weiter ausgestalten, er will sozusagen täglich durch seine geliebte Mutter in seinen Gliedern Fleisch annehmen, und spricht zu ihr: In Israel haereditare (Eccli 24,13), „in Israel habe Dein Erbe." Es ist dies so gemeint, als ob er sagen wollte: Gott, mein Vater, hat mir alle Nationen der Erde, alle Menschen, die guten und bösen, die auserwählten und verworfenen, zum Erbe gegeben; ich werde die einen mit goldenem, die anderen mit eisernem Zepter regieren. Den einen werde ich Vater und Anwalt, den anderen gerechter Rächer, allen aber Richter sein. Du jedoch, geliebte Mutter, sollst zum Erbe und Besitz nur die Auserwählten haben, die vorgebildet sind in Israel; als gute Mutter sollst Du ihnen das Leben geben und sie erziehen, als ihre Gebieterin sollst Du sie führen, leiten und verteidigen.

„Ein Mensch und ein Mensch ist in ihr geboren", sagt der Heilige Geist, homo et homo natus est in ea (Ps 86,3). Nach der Erklärung einiger Väter ist der erste Mensch, der in Maria geboren ward, der Gottmensch Jesus Christus; der zweite ist ein bloßer Mensch, aber ein Kind Gottes und Mariä durch Annahme an Kindes Statt. Wenn Jesus Christus, das Haupt der Menschen, in ihr geboren ist, so müssen die Auserwählten als Glieder diese Hauptes notwendiger Weise auch in ihr geboren werden. Denn eine und dieselbe Mutter bringt nicht das Haupt ohne die Glieder zur Welt, noch auch die Glieder ohne das Haupt; andernfalls wäre das eine Missgeburt der Natur. Ebenso ist es in der Ordnung der Gnade; das Haupt und die Glieder werden von derselben Mutter geboren; und wenn ein Glied des mystischen Leibes Jesu Christi, das heißt ein Auserwählter, von einer anderen Mutter geboren würde als von Maria, die das Haupt hervorgebracht hat, so wäre das weder ein Auserwählter, noch ein Glied Jesu Christi, sondern eine Missgeburt in der Ordnung der Gnade.

Da Jesus Christus ferner jetzt noch ebenso der Sohn Mariä ist, wie ehedem, weswegen Himmel und Erde ihr tausend und abertausendmal des Tages zurufen: „Und gebenedeit ist die Frucht Deines Leibes, Jesus", so ist Jesus Christus auch für jeden Menschen, der ihn besitzt, wie für die ganze Welt wahrhaft der Sohn Mariä. Daher kann und muss jeder Gläubige, wenn Jesus Christus in seinem Herzen wohnt, bekennen: „Maria schulde ich größten Dank; denn was ich besitze, ist ihr Werk und ihre Frucht, und ohne sie würde ich es nicht besitzen." Was der hl. Paulus von sich sagt: Quos iterum parturio, donec formetur Christus in vobis (Gal 4,19), kann Maria mit noch viel größerer Berechtigung auf sich anwenden: „Ich gebäre tagtäglich die Kinder Gottes, bis mein Sohn Jesus Christus in der Fülle seines Alters in ihnen gestaltet ist."

Der hl. Augustinus übertrifft sich selbst und alles, was ich bisher gesagt habe, wenn er erklärt, dass Maria alle Auserwählten dieser Welt in ihrem Schoße birgt, wo sie sie dem Bilde des Gottessohnes gleichförmig macht, beschützt, ernährt, heranbildet und groß zieht, bis sie dieselben nach ihrem Hinscheiden zur Glorie gebiert. Die Kirche nennt daher auch mit Recht den Todestag der Gerechten den Tag ihrer Geburt. O Geheimnis der Gnade, unbekannt den Verworfenen und selbst zu wenig erkannt von den Auserwählten!

Gott der Heilige Geist will in und durch Maria sich Auserwählte bilden und spricht zu ihr: In electis meis mitte radices (Eccli. 24,13), „lass, meine vielgeliebte Braut, alle Deine Tugenden in meinen Auserwählten Wurzel schlagen, damit sie wachsen von Tugend zu Tugend und von Gnade zu Gnade. Ich habe an Dir, als Du während deines Erdenlebens die erhabensten Tugenden übtest, so großen Gefallen gefunden, dass ich auch jetzt noch wünsche, Dich auf Erden zu finden, ohne dass Du aufhören sollst, im Himmel zu sein. Sei deshalb immer von neuem fruchtbar in meinen Auserwählten. O möchte ich in ihnen mit Wohlgefallen sehen die Früchte Deines unbesiegbaren Glaubens, Deiner tiefen Demut, Deiner Abtötung, Deiner erhabenen Andacht, Deiner glühenden Liebe, Deiner festen Hoffnung, kurz aller Deiner Tugenden! Du bist immer noch meine Braut, ebenso treu, makellos und fruchtbar wie ehedem. Möchte Dein Glaube mir Gläubige, Deine Reinheit mir Jungfrauen, Deine Fruchtbarkeit mir Auserwählte und Tempel schaffen!"

Wenn Maria in einer Seele Wurzel geschlagen hat, wirkt sie Wunder der Gnade, wie nur sie es vermag. Denn sie allein ist die fruchtbare Jungfrau, die niemals ihresgleichen an Reinheit und Fruchtbarkeit gehabt hat, noch jemals haben wird.

Maria hat im Verein mit dem Heiligen Geiste das Größte hervorgebracht, was es je gegeben hat und geben wird, nämlich den Gott-Menschen. Daher wird sie auch die größten Dinge hervorbringen, wenn die letzten Zeiten kommen werden. Die Bildung und Erziehung der großen Heiligen, welche gegen das Ende der Welt auftreten werden, ist ihr vorbehalten. Denn nur diese einzig wunderbare Jungfrau kann im Verein mit dem Heiligen Geiste diese einzigartigen und außerordentlichen Geschöpfe hervorbringen.

Wenn der Heilige Geist seine Braut in einer Seele gefunden hat, so fliegt er gleichsam zu ihr hinab, versenkt sich in diese Seele und teilt ihr seine Gnade reichlich und zwar in dem Maße mit, als sie seiner Braut Raum gewährt. Ja, eine der Hauptursachen, warum der Heilige Geist gegenwärtig keine auffallenden Wunder in den Seelen wirkt, liegt darin, weil er dieselben nicht innig genug vereinigt findet mit seiner getreuen und unzertrennlichen Braut. Ich sage „unzertrennliche" Braut; denn seitdem die wesenhafte Liebe des Vaters und des Sohnes sich mit Maria vermählt hat, um Jesus Christus als das Haupt und die Seele der Auserwählten zu gebären, hat der Heilige Geist sie nie verlassen, weil sie immer getreu und fruchtbar geblieben ist.

2. Folgerungen aus der Stellung Mariens im Heilsplan I. Maria, die Königin der Herzen

Aus vorstehenden Darlegungen ist der sichere Schluss zu ziehen, dass Gott der allerseligsten Jungfrau große Macht über die Seelen der Auserwählten verliehen hat. Sie könnte sonst unmöglich in diesen ihren Wohnsitz aufschlagen, wie Gott der Vater ihr aufgetragen hat (Eccli. 24,13); Sie könnte sie auch nicht formen, nicht nähren, nicht zum ewigen Leben gebären, sie nicht als ihr Erbe und Eigentum besitzen, weder sie in Christus gestalten noch Christus in ihnen. Sie könnte ihren Herzen auch nicht ihre Tugenden einpflanzen, noch als unzertrennliche Braut des Heiligen Geistes bei all seinen Gnadenerweisen mitwirken. All dieses könnte Maria unmöglich vollbringen, wenn Gott ihr nicht durch eine ganz besondere Gnade Recht und Gewalt über die Seelen eingeräumt hätte. Mit der mütterlichen Macht über seinen eingeborenen und natürlichen Sohn hat der Allerhöchste ihr dieselbe Macht auch über seine aus Gnade angenommenen Kinder verliehen, und zwar nicht nur über deren Leib, was ja nur geringe Bedeutung hätte, sondern auch über deren Seele.

Wie Jesus von Natur aus und durch sein Erlösungswerk König des Himmels und der Erde ist, so ist Maria durch Gottes Gnade Königin derselben geworden. Weil nun aber nach Lukas 17,21: „Das Reich Gottes ist in euch", das Reich Jesu Christi hauptsächlich im Herzen, im Innern des Menschen besteht, so ist auch das Reich der heiligsten Jungfrau hauptsächlich im Innern des Menschen, d.h. in ihren Seelen. Dementsprechend wird natürlich auch Maria mit ihrem göttlichen Sohn in den Seelen mehr verherrlicht, als in allen sichtbaren Kreaturen, und wir können sie mit den Heiligen nennen: Die Königin der Herzen.

II. Maria ist den Menschen notwendig zur Erreichung ihres Zieles

1. Den Christen zur Erfüllung ihrer Pflichten.

Da Gott zu unserer Erlösung die Menschwerdung des Sohnes Gottes beschlossen hatte, war Maria zur Durchführung dieses Heilsplanes dem Allerhöchsten notwendig. In viel höherem Grade bedürfen aber die Menschen der allerseligsten Jungfrau, wenn sie ihr ewiges Ziel erreichen wollen. Daher ist auch die Verehrung der Mutter Gottes mit der Verehrung der anderen Heiligen nicht auf dieselbe Stufe zu stellen, als ob sie nur eine nebensächliche fromme Andachtsübung wäre.

Der gelehrte und fromme Suarez aus der Gesellschaft Jesu, der weise und tief religiöse Justus Lipsius, Doktor von Löwen, und viele andere habe in Übereinstimmung mit den heiligen Vätern, wie z.B. dem hl. Augustin, dem hl. Ephräm, Diakon von Edessa, dem hl. Cyrillus von Jerusalem, dem hl. Germanus von Konstantinopel, dem hl. Johannes von Damaskus, dem hl. Anselm, dem hl. Bernhard, dem hl. Bernardin, dem hl. Thomas und dem hl. Bonaventura, unwiderleglich dargetan, dass die Verehrung der allerseligsten Jungfrau zum Heile unbedingt notwendig, und dass es ein untrügliches Zeichen der Verwerfung sei, wie selbst Ökolampadius und andere Häretiker zugeben, der Mutter Gottes die schuldige Verehrung und Liebe zu versagen. Ein untrügliches Zeichen der Auserwählung sei es hingegen, wenn man sich ganz und wahrhaft ihr hingebe. Die Vorbilder und Aussprüche des Alten und Neuen Testamentes beweisen hinlänglich diese Lehre, die durch das Beispiel und die Äußerungen der Heiligen noch bekräftigt und durch Vernunft und Erfahrung ausreichend bestätigt wird. Selbst die Teufel mit ihrem Anhang haben überwältigt durch die Macht der Wahrheit, oft genug gegen ihren eigenen Willen diese Lehre zugestehen müssen. Von den zahlreichen Äußerungen der hl. Väter und Kirchenlehrer sei der Kürze halber nur der Ausspruch des hl. Johannes von Damaszenus erwähnt, welcher sagt: Tibi devotum esse, sunt arma quaedam slutis, quae Deus dat his, quos vult salvor fiere..., „Dir ergeben zu sein, o heilige Jungfrau, ist eine Waffe des Heiles, welche Gott denen gibt, die er gerettet wissen will." Wunderbare Tatsachen könnte ich anführen, die dasselbe beweisen. So wird uns z.B. in den Chroniken des hl. Franziskus berichtet, dieser große Heilige habe einmal in einer Verzückung eine große Leiter gesehen, die bis zum Himmel hinaufragte. Auf ihrem obersten Ende thronte die allerseligste Jungfrau, die ihm offenbarte, er müsse auf dieser Leiter hinaufsteigen, wenn er in den Himmel gelangen wolle. In den Chroniken des Hl. Dominikus wird uns erzählt: Als der hl. Dominikus einmal bei Carcassonne über den Rosenkranz predigte, hätten fünfzehntausend Dämonen, welche die Seele eines unglücklichen Häretikers in Besitz hatten, zu ihrer größten Beschämung auf Befehl der Mutter Gottes mehrere wichtige und tröstliche Wahrheiten über den Wert der Marienverehrung mit überraschender Kraft und Klarheit eingestehen müssen. Wenn man diese Zeugnisse des bösen Feindes und seine Lobeserhebungen

der Mutter Gottes liest, wie er ihre Verehrung gegen seinen Willen preist und anerkennt, wird jeder, der die heilige Jungfrau liebt, sogar Freudentränen darüber vergießen können.

2. Maria ist besonders denen notwendig, die nach Vollkommenheit streben.

Wenn die Verehrung der allerseligsten Jungfrau zur Erlangung der ewigen Seligkeit allen Menschen notwendig ist, so gilt dies in noch viel höherem Grade von denen, welche sich zu besonderer Vollkommenheit berufen fühlen. Ich glaube nicht, dass jemand zu innigerer Vereinigung mit unserem Heiland und zu vollkommener Treue gegen den Heiligen Geist gelangen kann, ohne der allerseligsten Jungfrau eine besondere Verehrung entgegenzubringen und ohne ihre nachhaltige Gnadenhilfe zu erfahren.

Maria allein hat ohne Vermittlung eines anderen Geschöpfes Gnade vor Gott gefunden. Alle übrigen Menschen aber können dies nur durch ihre Vermittlung und Mitwirkung erreichen; so war es bisher, so wird es auch in Zukunft bleiben. Maria allein war voll der Gnade, als der Erzengel Gabriel sie begrüßte, sie [der Hl. Geist] in unaussprechlicher Weise überschattete. Maria hat von Tag zu Tag, von Stunde zu Stunde diese doppelte Gnadenfülle so vermehrt, dass sie zu einer Stufe unerreichbarer und unbegreiflicher Gnade erhoben wurde. Der Allerhöchste hat sie daher zur einzigen Schatzmeisterin aller seiner Reichtümer und zur einzigen Ausspenderin seiner Gnaden erwählt, damit sie jeden mit göttlichem Adel schmücke, erhöhe und bereichere, wen sie wolle. Auf dem schmalen Wege zum Himmel und durch die enge Pforte des Lebens führt sie ihre Auserwählten trotz aller Hindernisse beharrlich weiter, um ihnen im Jenseits Thron, Zepter und Königskrone zu verleihen. Jesus ist überall und immer die Frucht und der Sohn Mariä; und Maria ist und bleibt überall der wahre Baum, der die Frucht des Lebens trägt, die wahre Mutter, die den Sohn, das Haupt und die Glieder seines hl. mystischen Leibes hervorbringt.

Gott hat Maria allein die Schlüssel zum Weinkeller der göttlichen Liebe gegeben und ihr die Macht verliehen, die erhabensten und verborgensten Pfade der Vollkommenheit zu wandeln und auch andere auf diese zu geleiten. Maria allein verschafft den Kindern der untreuen Eva den Zutritt zum irdischen Paradies, um dort in beseligendem Verkehr mit Gott zu wandeln und sicheren Schutz zu finden gegen ihre Feinde, um dort süße Nahrung zu empfangen vom Baume des Lebens und vom Baume der Erkenntnis des Guten und des Bösen, ohne den Tod fürchten zu müssen, und dort in langen Zügen himmlische Wasser aus jener schönen Quelle zu schlürfen, die dort in Überfülle sprudelt. Maria selbst ist dieses irdische Paradies, dieses jungfräuliche, gesegnete Land, aus dem Adam und Eva um ihrer Sünden willen vertrieben wurden: und sie gewährt nur denen Zutritt, welche sie zu Heiligen erziehen will.

„Alle Reichen der Welt werden", wie der hl. Bernhard sagt, „vor deinem Angesichte (o Maria) von Jahrhundert zu Jahrhundert und hauptsächlich gegen Ende der Welt schutzflehend niederfallen." Damit will er sagen: Die größten Heiligen, die an Gnade und Tugenden reichsten Seelen, werden Maria am eifrigsten verehren und mit ihren Gebeten bestürmen, um immer in ihrer Gegenwart zu leben, sie stets als ihr vollendetes Vorbild vor Augen zu haben und sich ständig auf ihre mächtige Hilfe stützen zu können.

3. Artikel - Besondere Aufgaben Mariä für die letzen Zeiten

1. Prophetischer Blick in die letzten Zeiten

Besonders gegen das Ende der Welt, und zwar schon bald, wird Maria auf Erden mit einem Eifer verehrt werden, wie nie zuvor; denn gerade für die letzten Zeiten hat Gott beschlossen, im Verein mit seiner heiligen Mutter Heilige großzuziehen, welche die Mehrzahl der anderen Heiligen an Heiligkeit soweit übertreffen werden, als die Zedern des Libanon über das niedere Gesträuch emporragen, wie solches einer heiligmäßigen Person geoffenbart ward, deren Leben durch de Renty beschrieben wurde.

Diese großen Seelen, voll Gnade und Eifer, sollen sich den Feinden Gottes entgegenstellen, die sich von allen Seiten mit Ingrimm erheben werden. Sie werden in ganz besonderer Weise der allerseligsten Jungfrau ergeben sein, durchstrahlt von ihrem Lichte, genährt mit ihrer Milch, geführt von ihrem Geiste, gestützt auf ihren Arm und geborgen unter ihrem Schutzmantel. Mit der einen Hand werden sie die Häretiker mit ihren Häresien, die Schismatiker mit ihren Schismen, die Götzendiener mit ihrer Abgötterei und die Sünder mit ihren Gottlosigkeiten bekämpfen, niederwerfen und ausrotten. Mit der anderen werden sie den wahren Tempel Salomons und die geistige Stadt Gottes aufbauen, d.h. sie werden die Verehrung der allerseligsten Jungfrau ausbreiten, die ja von den heiligen Vätern „der Tempel Salomons und die Stadt Gottes" genannt wird. Sie werden die ganze Welt durch Wort und Beispiel zur wahren Andacht zu Maria anleiten, was ihnen zwar viele Feinde zuziehen, aber auch viele Siege und großen Ruhm beim Allerhöchsten bereiten wird. Gott selbst hat dies dem hl. Vinzenz Ferrerius, dem großen Apostel seines Jahrhunderts, geoffenbart, wie von ihm deutlich genug in seinen Schriften erwähnt wird.

Der Hl. Geist scheint diese Wahrheit im Psalm 58 vorhergesagt zu haben mit den Worten: Et scient, quia Deus dominabitur Jacob et finium terrae; convertentur ad vesperam, et famem patientur ut canes et circuibunt civitatem, „der Herr wird herrschen über Jakob und bis an die Enden der Erde. Gegen Abend werden sie umkehren und Hunger leiden wie Hunde und herumlaufen in der Stadt, um Nahrung zu finden." Diese Stadt, welche die Menschen gegen das Ende der Zeiten finden werden, um sich zu bekehren und ihren Hunger nach Gerechtigkeit zu stillen, ist die heiligste Jungfrau, die vom Heiligen Geiste „Stadt und Festung Gottes" genannt wird.

Durch Maria hat das Heil der Welt begonnen, durch Maria muss es auch vollendet werden. Maria ist bei der ersten Ankunft Christi fast nie hervorgetreten, damit die Menschen, die über die Person ihres göttlichen Sohnes noch zu wenig unterrichtet und aufgeklärt waren, nicht etwa die Würde ihres Kindes übersehen und sich in allzu sinnlicher Weise an Maria anschließen möchten, was wegen der wunderbaren Reize, welche Gott im Geheimen sogar über ihr Äußeres ausgegossen hatte, offenbar leicht geschehen wäre. So hat uns der hl. Dionysius der Areopagite schriftlich überliefert, dass er bei ihrem Anblick wegen ihrer verborgenen Reize und ihrer unvergleichlichen Schönheit versucht gewesen wäre, sie für eine Gottheit zu halten, wenn ihn nicht der Glaube, in welchem er fest stand, davon zurückgehalten hätte. Bei der zweiten Ankunft Christi muss aber Maria erkannt und durch den Heiligen Geist geoffenbart werden, damit durch sie Jesus Christus erkannt, geliebt und ihm gedient werde. Denn die Gründe, welche den Heiligen Geist bewogen haben, seine Braut während ihres irdischen Lebens verborgen zu halten und von ihr seit Verkündigung des Evangeliums nur wenig zu enthüllen, bestehen dann nicht mehr.

Gott will also Maria, das Meisterwerk seiner Hände, in den letzten Zeiten offenbaren und verherrlichen:

1. weil sie sich in dieser Welt verborgen und auf's tiefste verdemütigt hat, indem sie es sich von Gott, von seinen Aposteln und Evangelisten erwirkte, dass ihre Herrlichkeit der Welt nicht geoffenbart wurde.

  1. Wie Maria einst hier auf Erden durch die Gnade, so ist sie jetzt im Himmel durch die Glorie das Meisterwerk der Hände Gottes, weswegen ihn preisen und verherrlichen sollen alle Geschlechter auf Erden.
  2. Weil Maria die Morgenröte ist, die dem Heiland als der Sonne der Gerechtigkeit vorausgeht und sie ankündigt, so muss sie erkannt und verstanden werden, um die Menschen zur Erkenntnis Jesu Christi zu führen.
  3. Wie Maria der Weg ist, auf dem Jesus Christus das erste Mal zu uns gelangte, so wird sie dies auch bei seiner zweiten Ankunft sein, wenn auch nicht auf gleiche Weise.
  4. Da Maria der sichere, gerade und makellose Pfad ist, um Jesus zu finden und ihn vollkommen zu erkennen, so müssen alle Seelen, die nach Heiligkeit streben, dieses Ziel durch Maria erreichen. Denn wer Maria findet, findet das Leben, nämlich Jesus Christus, welcher der Weg ist, die Wahrheit und das Leben. Man kann aber Maria nur finden, wenn man sie kennt; denn niemand sucht und verlangt etwas, was er nicht kennt. Zur Erkenntnis und Verherrlichung der heiligsten Dreifaltigkeit ist daher mehr als je die Erkenntnis Mariä notwendig.
  5. Maria soll deswegen mehr als je zuvor in ihrer Barmherzigkeit, Macht und Gnadenfülle gerade in den letzten Zeiten erkannt und geliebt werden: in ihrer Barmherzigkeit, damit sie die armen Sünder und die irrenden Söhne zurückführe und liebreich aufnehme, welche sich bekehren und zur katholischen Kirche zurückkehren wollen; in ihrer Macht gegen die Feinde Gottes, die Götzendiener, Schismatiker und Mohammedaner, die Juden und alle verhärteten Gottlosen, welche sich erheben werden, um mit furchtbarer Wut möglichst viele zu verführen und durch Versprechen und Drohungen zum Abfall zu bringen. Endlich soll Maria auch leuchten in ihrer Gnadenfülle, um die tapferen Streiter und die treuen Diener Jesu Christi, welche für seine Kirche kämpfen werden, zu begeistern und zu stärken.
  6. Schließlich soll Maria der Schrecken der Dämonen und ihres Anhanges werden, gleich einem in Schlachtordnung aufgestellten Heere, und zwar gerade in den letzten Zeiten, weil der Satan wohl weiß, dass ihm dann nur noch wenig Zeit zur Verfügung steht, um die Seelen zu verderben, und er daher seine feindlichen Anstrengungen und Angriffe von Tag zu Tag verdoppeln wird. Alle Kraft wird er zusammenfassen, um neue Verfolgungen gegen die Kirche heraufzubeschwören und besonders den treuen Dienern und wahren Kinder Mariä schreckliche Nachstellungen zu bereiten, weil er sie am wenigsten zu überwinden vermag.

2. Der Kampf Mariä und ihrer Kinder gegen Satan und seinen Anhang

Hauptsächlich von jenen letzten grausamen Angriffen des Teufels, welche sich bis zur Herrschaft des Antichristen von Tag zu Tag vermehren, ist jene erste und berühmte Weissagung und jener Fluch Gottes zu verstehen, der schon im irdischen Paradies gegen die Schlange geschleudert wurde. Es ist sicher angebracht, in diesem Zusammenhang zum Ruhme der allerseligsten Jungfrau, zum Heile ihrer Kinder und zur Beschämung des bösen Feindes näher auf diese erste frohe Botschaft einzugehen. Inimicitias ponam inter te et mulierem, et semen tuum et semen illius; ipsa conteret caput tuum et insidiaberis calcaneo ejus (Gen 3,15), „ich will Feindschaft setzen zwischen dir und dem Weibe, zwischen deiner Nachkommenschaft und ihrer Nachkommenschaft; sie wird dir den Kopf zertreten und du wirst ihrer Ferse nachstellen."

Nur einmal hat Gott eine Feindschaft und zwar eine unversöhnliche Feindschaft gestiftet, welche fortdauern, ja sogar zunehmen soll bis ans Ende der Zeiten: die Feindschaft zwischen Maria, der Mutter Gottes, und dem Teufel und damit auch zwischen ihren beiderseitigen Anhängern. Die furchtbarste und stärkste Gegnerin, welche Gott dem Satan gegenüberstellen konnte, ist Maria, die gebenedeite Jungfrau und Mutter des Erlösers. Gott verlieh ihr schon vom Paradiese an, obgleich sie damals nur in seiner Idee existierte, einen solchen Hass gegen diesen verfluchten Feind Gottes, einen so großen Eifer, die Bosheit dieser alten Schlange aufzudecken, und so große Macht um diesen stolzen und ruchlosen Geist zu besiegen, niederzuwerfen und zu zertreten, dass dieser Maria mehr fürchtet als alle Engel und Menschen, ja in einem gewissen Sinn sogar mehr als Gott selbst. Damit soll gewiss nicht gesagt sein, dass die Feindschaft, der Hass und die Macht Gottes nicht unendlich größer wären, als die der heiligen Jungfrau, deren Vollkommenheiten begrenzt sind. Es soll vielmehr besagen, dass Satan in seinem Hochmut unendlich mehr leidet, von einer geringen und demütigen Magd des Herrn als von diesem selbst besiegt und bestraft zu werden, und dass ihre Demut für in vernichtender wirkt, als die Allmacht Gottes. Zudem hat Gott der allerseligsten Jungfrau eine solche Gewalt über die Teufel verliehen, dass diese einen ihrer Seufzer zugunsten einer Seele mehr fürchten als die Fürbitten aller übrigen Heiligen und durch eine einzige ihrer Drohungen mehr zu leiden haben als durch alle anderen Qualen, wie dies die Teufel selbst schon oft genug wider Willen durch den Mund der Besessenen bekennen mussten.

Was Luzifer durch seinen Stolz verloren hat, das hat Maria durch ihre Demut zurückerobert. Was Eva durch ihren Ungehorsam verdorben und eingebüßt hat, das hat Maria durch ihren Gehorsam wieder gutgemacht. Indem Eva der Schlange folgte, hat sie alle ihre Kinder mit sich ins Verderben gerissen und sie der Schlange überliefert; indem Maria sich vollständig Gott unterwarf, hat sie alle Kinder und Diener gerettet und mit sich der göttliche Majestät geweiht.

Gott hat aber nicht nur Feindschaft gestiftet zwischen Maria und dem Teufel. Gott hat auch Hass und Zwietracht gesät zwischen den wahren Kindern und Dienern Mariä und den Sklaven Satans. Wahre Liebe ist zwischen ihnen unmöglich, da sie keine inneren Beziehungen zu einander haben. Wie Kain einst seinen Bruder Abel und Esau seinen Bruder Jakob verfolgte, treffliche Vorbilder der Verworfenen und der Auserwählten, so haben auch die Kinder Belials, die Knechte Satans oder die Freunde dieser Welt bisher die Kinder und Anhänger der allerseligsten Jungfrau stets verfolgt und werden es in Zukunft noch mehr tun als je zuvor. Maria die demütige Jungfrau, wird aber über ihren stolzen Feind immer den Sieg behaupten und zwar so glänzend, dass sie ihm sogar das Haupt, den Sitz seines Stolzes, zertreten wird. Sie wird jederzeit seine Schlangenbosheit und seine höllischen Anschläge enthüllen, seine diabolischen Pläne zunichte machen, und bis zum Ende der Zeiten ihre treuen Diener vor seiner grausamen Kralle beschützen. Die Macht Mariä über alle Teufel wird besonders in den letzten Zeiten offenbar werden, wenn Satan ihrer Ferse nachstellen wird, womit ihre demütigen Diener und ihre bescheidenen Kinder gemeint sind, welche Maria aufrufen wird, um ihn zu bekämpfen. Es werden unscheinbare, arme Menschen sein in den Augen der Welt, von allen erniedrigt, getreten und gedrückt, wie die Ferse im Vergleich zu den übrigen Gliedern des Körpers. Aber dafür werden sie reich sein an Gnaden vor Gott, die ihnen Maria im Überfluss zuwenden wird. Infolge ihrer Heiligkeit werden sie groß dastehen in den Augen Gottes und durch ihren Feuereifer über alle Geschöpfe erhaben sein. Machtvoll wird Gott sie unterstützen, damit sie im Verein mit Maria durch ihre Demut der Schlange den Kopf zertreten und den Triumph Jesu Christi vervollständigen.

3. Die Apostel der letzen Zeiten

Aus all diesen Gründen will Gott, dass Maria jetzt mehr erkannt, geliebt und geehrt werde als jemals, was ohne Zweifel geschehen wird, wenn die Auserwählten unter dem Gnadenbeistande und der Erleuchtung des Heiligen Geistes in die Übung der vollkommenen und inneren Andacht zu Maria eintreten werden, die ich ihnen im folgenden klarlegen will. Dann werden sie, soweit es die Gnade des Glaubens gestattet, diesen schönen Meeresstern klar erschauen und unter seinem Lichte trotz der Stürme und zahlreichen Feinde glücklich im Hafen landen. Sie werden die Größe dieser Herrscherin erkennen und sich als Untergebene und Sklaven der Liebe ganz ihrem Dienste weihen. Ihre Milde und mütterliche Güte wird in ihnen die zärtlichste Gegenliebe wecken. Die ganze Fülle ihrer Barmherzigkeit und die Kraft ihrer Hilfe werden sie in jeder Not erfahren und stets bei ihr als treuer Sachwalterin und Mittlerin Zuflucht finden. Jene vollkommene Andacht aber werden sie als das sicherste, leichteste, kürzeste und vollkommenste Mittel erproben, um zu Christus zu gelangen, sodass sie mit Leib und Seele sich Maria ohne Rückhalt schenken werden, um in gleicher Weise dem Heiland anzugehören.

Welche Bedeutung werden aber diese Diener und Kinder Mariä besitzen? Sie werden in ihrem brennenden Eifer für die Ehre Gottes überall das Feuer göttlicher Liebe entzünden. Sie werden wie scharfe Pfeile in der Hand der mächtigen Jungfrau sein, um ihre Feinde zu durchbohren.

Als Söhne Levis, wohlgeläutert durch das Feuer großer Trübsale und fest vereint mit Gott, werden sie in ihrem Herzen das Gold der Liebe, in ihrem Geiste den Weihrauch des Gebetes, an ihrem Leib die Myrrhe der Abtötung tragen und überall den Armen und Geringen ein Wohlgeruch Christi sein, während sie bei den Großen, den Reichen und stolzen Weltkindern den Geruch des Todes hinterlassen werden.

Gleich donnernden Wolken, die beim geringsten Hauche des Heiligen Geistes durch die Lüfte fliegen, sollen sie, ohne auf andere unzeitige Rücksicht zu nehmen und ohne sich selbst durch freudige oder schmerzliche Ereignisse beeinflussen zu lassen, den Regen des Wortes Gottes und des ewigen Lebens verbreiten. Sie sollen donnern gegen die Sünde und gegen die Welt, und dadurch den Teufel und seinen Anhang niederschlagen; alle diejenigen aber, zu welchen sie vom Allerhöchsten gesandt werden, sollen sie mit dem zweischneidigen Schwerte des Wortes Gottes durchbohren, sei es zum Leben, sei es zum Tode.

Sie werden als die wahren Apostel der letzten Zeiten auftreten, die der Herr der Heerscharen mit der Gabe des Wortes und mit der Macht ausstatten wird, Wunder zu wirken und glorreiche Siege über seine Feinde davonzutragen. Ohne Gold und Silber aber, was noch wichtiger ist, auch ohne Sorgen werden sie inmitten der anderen Priester und Kleriker wirken, und mit den Silberschwingen der Taube überall hinfliegen, wohin der Heilige Geist sie rufen wird, um zur Förderung der Ehre Gottes und des Heiles der Seelen tätig zu sein. Dort, wo sie gepredigt haben, werden sie nichts zurücklassen als das Gold der Liebe, welche die Vollendung des ganzen Gesetzes ist.

Endlich wissen wir, dass sie als wahre Schüler Jesu Christi in den Fußstapfen seiner Armut, Demut, Weltverachtung und Liebe wandeln und anderen den schmalen Weg zu Gott in reiner Wahrheit zeigen werden. Dabei werden sie sich nach dem heiligen Evangelium und nicht nach den Grundsätzen der Welt richten, ohne Ansehen der Person, ohne Schonung, ohne unangebrachte Rücksicht oder Furcht vor einem Sterblichen, mag er auch noch so mächtig sein.

Sie werden in ihrem Munde das zweischneidige Schwert des Wortes Gottes führen, auf ihren Schultern die blutige Fahne des Kreuzes, das Kruzifix in der Rechten, den Rosenkranz in der Linken, die heiligsten Namen Jesu und Mariä in ihrem Herzen und die Bescheidenheit und Abtötung Jesu Christi in ihrem ganzen Wesen tragen.

Das sind die großen Männer, die kommen werden, die Maria auf Befehl des Allerhöchsten ausrüsten wird, um sein Reich über die Gottlosen, Götzendiener und Mohammedaner

auszudehnen. Wann und wie wird es geschehen? - Gott allein weiß es! An uns ist es, zu schweigen, zu beten, zu seufzen und abzuwarten: Exspectans expectavi (Ps 39,4)